Die Normalverteilung: von Messwerten zur Glockenkurve

24 Minuten · 7 Abschnitte

Wie groß ist „normal“?

Bei einer Reihenuntersuchung messen Ärzte die Körpergröße von 10 000 Jugendlichen und zeichnen ein Histogramm: Die Säulen bilden eine Glocke. Wie viele sind größer als 188 cm, und ab wann gilt jemand als ungewöhnlich groß? Die Glockenkurve verwandelt Messwerte in eine Fläche, und Flächen unter Kurven kennen wir aus der Integralrechnung. Zwei Zahlen legen die Kurve fest: die Mitte μ und die Streuung σ. Wir bauen sie Schritt für Schritt auf und lesen am Ende Wahrscheinlichkeiten ab.

Diskret und stetig

Zählen: diskret

Beim Würfeln ist die Augenzahl X eine Zufallsgröße mit den Werten 1 bis 6. Alle Werte lassen sich einzeln aufzählen; zwischen 3 und 4 liegt kein weiterer. Eine solche Zufallsgröße heißt diskret. Sie entsteht durch Zählen: Augenzahl, Trefferzahl, Zahl der Geschwister. Für jeden Wert k ist sinnvoll, und in einem Säulendiagramm gibt die Höhe der Säule genau diese Wahrscheinlichkeit an. Alle Säulen zusammen ergeben 1.

Messen: stetig

Die Körpergröße ist anders. Zwischen 1,70 m und 1,71 m liegen weitere mögliche Werte, zwischen diesen wieder welche, und so fort. Eine Zufallsgröße, die jeden Wert eines Intervalls annehmen kann, heißt stetig. Sie entsteht durch Messen: Länge, Zeit, Masse. Dass ein Messgerät rundet, ändert daran nichts, denn es rundet nur die Anzeige.

Darum passt zu einer stetigen Größe eine andere Frage: nicht „genau 172 cm?“, sondern „zwischen 170 cm und 175 cm?“, also ein Intervall .

Auf dem Raster unten kann man die Punkte beliebig verdichten, und doch bleibt zwischen zwei Punkten immer eine Lücke, in die noch ein Wert passt. Bei der Augenzahl ist die Lücke zwischen 3 und 4 dagegen leer und bleibt es. Auch sehr viele gezählte Werte machen eine Größe nicht stetig: Die Einwohnerzahl einer Stadt bleibt diskret.

Verfeinere das Raster mit dem Regler. Bleibt am Ende eine Lücke zwischen zwei Punkten?

Vom Histogramm zur Kurve

Die Fläche zählt

Ein Histogramm zeigt, wie sich gemessene Werte auf Klassen verteilen. Sind die Klassen verschieden breit, darf nicht die Höhe die Häufigkeit anzeigen, denn breite Klassen sähen sonst zu groß aus. Man zeichnet deshalb über jede Klasse eine Säule mit

Die Fläche der Säule ist dann die relative Häufigkeit. Die Klasse 180 bis 190 cm im Bild ist 10 cm breit und 0,012 hoch: Fläche , also 12 % der Messwerte. Alle Flächen zusammen ergeben 1.

Histogramm, Höhen: 150–160: 0,004; 160–165: 0,028; 165–170: 0,044; 170–175: 0,052; 175–180: 0,04; 180–190: 0,012; 190–200: 0,002 0 0,02 0,04 0,06 150 160 165 170 175 180 190 200 Höhe Körpergröße in cm
Breite Klassen sind niedriger, ihre Fläche zählt.

Klassen feiner machen

Jetzt zu 10 000 gemessenen Körpergrößen. Bei 8 cm Klassenbreite zeigt das Histogramm nur grob, wie sich die Werte verteilen. Verkleinere die Klassenbreite: Der Rand der Säulen verliert seine Treppen und schmiegt sich an eine glatte Kurve, die Glockenkurve. Die Gesamtfläche bleibt 1, denn jeder Messwert liegt in irgendeiner Klasse. Mit noch mehr Messwerten würde der Umriss noch glatter.

Verkleinere die Klassenbreite w mit dem Regler. Was passiert mit dem Umriss der Säulen?

Warum eine Glocke?

Die Körpergröße hängt von vielen kleinen Einflüssen ab, die sich addieren. Ein Modell dafür ist die Summe von n Würfeln. Ein einzelner Würfel liefert lauter gleich hohe Säulen, doch schon bei drei Würfeln liegen die Summen am häufigsten in der Mitte, und die Säulen bilden eine Glocke. Wo sich viele kleine, unabhängige Einflüsse addieren, entstehen oft glockenförmige Histogramme, etwa bei Körpergrößen oder Werkstücklängen. Nicht immer: Einkommen und Wartezeiten sind schief, weil wenige sehr große Werte den Rand lang ziehen.

Erhöhe die Zahl n der Würfel. Ab wann sieht die Summe wie eine Glocke aus?

Die Dichtefunktion

Wahrscheinlichkeit ist Fläche

Die Glockenkurve aus dem letzten Abschnitt ist die Dichtefunktion der Körpergröße X in cm. Die Wahrscheinlichkeit, dass X in einem Intervall liegt, ist die Fläche unter dem Graphen von f über diesem Intervall:

Die Gesamtfläche unter dem Graphen ist 1, denn X nimmt irgendeinen Wert an, und es gilt . Das ist dieselbe Idee wie beim Histogramm: Dort war die Fläche einer Säule die relative Häufigkeit, hier ist die Fläche unter der Kurve die Wahrscheinlichkeit, und die Kurve ist die Grenzform der Säulen. Für die Glocke gibt es keine einfache Stammfunktion; die Flächen liefern Tabellen oder Software, und das Bild rechnet mit.

Ziehe die Grenzen a und b. Wie groß ist die Fläche, wenn a = 164 und b = 180 ist?

Ein Wert hat keine Fläche

Ziehe die Grenzen zusammen: Die Fläche schrumpft gegen 0. Ein einzelner Wert ist ein Intervall der Länge 0 und hat keine Fläche, also . Daraus folgt : Randpunkte spielen keine Rolle. „Null“ heißt aber nicht „unmöglich“, denn jede Messung liefert irgendeinen Wert. Bei stetigen Größen zählen nur Intervalle.

Auch der Dichtewert ist keine Wahrscheinlichkeit, sondern die Höhe der Kurve („Wahrscheinlichkeit pro cm“). Er kann größer als 1 sein: In Metern gemessen ist die Kurve schmaler und daher höher, .

Verkleinere h. Was passiert mit der Fläche, und was mit der Höhe f(172)?

Die Verteilungsfunktion

Die Fläche links von x

Oft fragt man nicht nach einem Intervall, sondern: Wie viele sind höchstens so groß wie x? Die Antwort gibt die Verteilungsfunktion . An der Dichtefunktion ist sie die Fläche links von x:

Schiebst du x nach rechts, kommt Fläche dazu, und F(x) wächst. Genau in der Mitte ist die Hälfte erreicht: . Bei 164 sind es erst , also etwa 16 % der Jugendlichen. F beantwortet damit Fragen wie „Wie viel Prozent sind höchstens 164 cm groß?“ mit einer einzigen Zahl.

Schiebe x nach rechts. Wie groß ist F(x), wenn x genau in der Mitte liegt?

Der Graph von F

Trägt man F(x) über x auf, entsteht eine S-Kurve: steigt von 0 auf 1 und fällt nie, weil Fläche nur dazukommt. Am steilsten ist der Graph in der Mitte, wo die Dichte am höchsten ist. Das ist kein Zufall: Die Steigung von F ist die Dichte, . Bei einer diskreten Zufallsgröße wächst F treppenförmig; bei einer stetigen gibt es keine Sprünge, weil kein einzelner Wert Wahrscheinlichkeit trägt.

Liniendiagramm: 140 0, 142 0,0001, 144 0,0002, 146 0,0006, 148 0,0013, 150 0,003, 152 0,0062, 154 0,0122, 156 0,0228, 158 0,0401, 160 0,0668, 162 0,1056 …; Hilfslinie bei 0,5 0 0,25 0,5 0,75 1 144 152 160 168 176 184 192 200 F(x) Körpergröße x in cm 0,5
Der Graph von F: eine S-Kurve, die von 0 auf 1 wächst.

Intervalle mit F

Für ein Intervall zieht man ab: Die Fläche bis b enthält die Fläche bis a, also

Mit und ist . „Mindestens a“ geht über das Gegenereignis: .

Ziehe a und b. Wie hängen die drei Chips zusammen?

μ und σ ablesen

Die Mitte μ

Die Dichte der Normalverteilung ist symmetrisch zu einer senkrechten Achse. Auf dieser Achse liegt der Gipfel, und ihre Stelle ist der Erwartungswert μ. Verschiebt man μ, wandert die ganze Kurve nach links oder rechts, ohne ihre Form zu ändern. μ ist also die Lage des Gipfels, nicht seine Höhe. Zwei Kurven mit gleichem σ sind gleich geformt, die eine ist nur verschoben.

Verschiebe μ. Was bleibt gleich, was ändert sich?

Die Streuung σ

Die Breite bestimmt σ. Bei liegen die Wendestellen der Kurve, dort wechselt sie von nach oben gekrümmt zu nach unten gekrümmt; das Bild markiert sie. Ein größeres σ macht die Kurve breiter und niedriger, die Fläche bleibt 1. Der Gipfel hat die Höhe . Merke die Rollen: μ sagt, wo die Kurve liegt, σ sagt, wie breit sie ist.

Ändere σ und beobachte die Punkte bei ±σ, die Höhe und die Gesamtfläche.

Aus dem Term

Die Dichte hat den Term

Man liest ab: μ ist die Zahl in , bei also . Im Nenner steht , nicht σ: Bei ist , also σ = 3, und der Vorfaktor bestätigt es. Der Vorfaktor sorgt dafür, dass die Fläche 1 bleibt: Wird σ größer, muss er kleiner werden.

Wahrscheinlichkeiten für Intervalle

Auf z umrechnen

Für jedes Paar μ, σ bräuchte man eine eigene Tabelle. Deshalb rechnet man auf die Standardnormalverteilung (μ = 0, σ = 1) um. Der z-Wert sagt, wie viele σ ein Wert x von μ entfernt liegt:

Für die Körpergröße (μ = 172, σ = 8) ist und . Die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung heißt Φ, und es gilt . Ihre Werte liefern Tabellen oder Software, etwa ; in den Aufgaben sind sie gegeben. Ein Jugendlicher mit 188 cm liegt 2σ über dem Mittel, einer mit 160 cm liegt 1,5σ darunter, .

Schiebe x. Wann ist z = 0, und was ist dann F(x)?

Intervalle mit Φ

Ein Intervall ist eine Differenz, wie schon bei F. Man rechnet beide Grenzen um:

Für ist und , die Fläche also . Setzt man 168 und 188 direkt in Φ ein, rechnet man für eine andere Verteilung.

Ziehe a und b. Welche z-Werte gehören zu 164 und 180, und wie groß ist die Fläche?

Negative z und „mindestens“

Tabellen enthalten oft nur positive z. Die Kurve ist symmetrisch, also sind die Ränder links von −z und rechts von z gleich groß: . Aus folgt . „Mindestens b“ ist das Gegenereignis: . Die Eingangsfrage: Wegen und ist , also sind etwa 2,3 % der Jugendlichen größer als 188 cm.

Vergleiche die beiden grauen Ränder. Was folgt daraus für Φ(−1)?

Sigma-Regeln und symmetrische Intervalle

Die Sigma-Regeln

Bei jeder Normalverteilung hängt die Wahrscheinlichkeit für ein Intervall um μ nur davon ab, wie viele σ breit es ist. Für die Sigma-Regeln gilt:

Für die Körpergröße heißt das: 68,3 % liegen in [164; 180], 95,4 % in [156; 188], 99,7 % in [148; 196]. Außerhalb von μ ± 2σ liegen nur etwa 4,6 %, außerhalb von μ ± 3σ etwa 0,3 %. Solche Werte sind ungewöhnlich, aber nicht unmöglich: 200 cm, also 3,5σ über μ, kommt selten vor. Die Prozente gelten für beide Seiten zusammen: Zwischen μ und μ + σ liegt nur die Hälfte von 68,3 %, also etwa 34,1 %.

Stelle k auf 1, 2 und 3. Welche Prozentzahlen zeigt der Chip?

Von der Wahrscheinlichkeit zum Intervall

Oft ist umgekehrt die Wahrscheinlichkeit P vorgegeben, und das um μ symmetrische Intervall wird gesucht. Die Restfläche 1 − P teilt sich auf beide Ränder, je . Links der oberen Grenze liegt dann .

Für P = 0,95 ist , also , und das Intervall lautet . Ähnlich gehören 1,64σ zu 90 % und 2,58σ zu 99 %. Wer ansetzt, erhält nur ein 90-%-Intervall, weil links und rechts je 5 % übrig bleiben.

Die beiden Ränder sind gleich groß. Wie viel Wahrscheinlichkeit liegt links der oberen Grenze?
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Konzepte

NormalverteilungDichteKumulative VerteilungsfunktionStetige ZufallsgrößeSigma-RegelnHistogramm