Der einseitige Signifikanztest: Zufall oder mehr?

22 Minuten · 7 Abschnitte

Hat Mira gelernt oder nur geraten?

Mira schreibt einen Test mit 10 Fragen, zu jeder gibt es vier Antworten, genau eine ist richtig. Sie hat 6 richtige. Wer nur rÀt, trifft im Mittel 2,5 Antworten, aber auch 6 sind dabei nicht unmöglich. Ab wie vielen Treffern glauben wir Mira das Gelernte? Ein Signifikanztest legt das vor den Daten fest, rechnet mit der Binomialverteilung und zeigt, was ein Ergebnis belegt und was nicht, und wo die Grenze des Beweisens liegt.

Entscheiden unter Unsicherheit

Von p zu den Daten – und zurĂŒck

Miras Ratetest hat 10 Fragen mit je vier Antworten. Wer nur rĂ€t, hat die Trefferwahrscheinlichkeit . Die Wahrscheinlichkeitsrechnung geht von einem bekannten aus und sagt voraus, wie die Trefferzahl streut. Ein Signifikanztest gehört zur Statistik und geht den umgekehrten Weg: Die Daten liegen vor (Mira hat 6 richtige), und wir fragen, welches dazu passt. Die Annahme, die wir prĂŒfen („nur geraten“, ), heißt Nullhypothese H₀.

Der Regler zeigt die Idee: Bei sind 6 oder mehr Treffer selten, bei dagegen normal. Ein Ergebnis, das unter H₀ sehr unwahrscheinlich ist, spricht gegen H₀. Beweisen kann es nichts, denn unwahrscheinlich ist nicht unmöglich.

Schiebe p. Wie groß ist P(X ≄ 6) bei p = 0,25, und wie groß bei p = 0,6?

Der Ablauf eines Tests

Damit das Ergebnis die Entscheidung nicht zurechtbiegt, steht die Regel vor der Stichprobe fest. Zuerst legen wir die Hypothesen und das Signifikanzniveau α fest, zum Beispiel : die grĂ¶ĂŸte Irrtumswahrscheinlichkeit, die wir beim Ablehnen von H₀ in Kauf nehmen. Daraus folgt der Ablehnungsbereich, die Trefferzahlen, bei denen wir H₀ ablehnen. Erst dann ziehen wir die Stichprobe und entscheiden nach der Regel. Wer die Grenze erst nach den Daten wĂ€hlt, kann jedes Ergebnis passend machen.

Auf den folgenden Seiten fĂŒllen wir jeden Schritt: die Hypothesen, den Ablehnungsbereich, die beiden möglichen Fehler und die Frage, was ein Ergebnis wirklich aussagt.

Ablauf eines Signifikanztests 1 Hypothesen und α festlegen 2 Ablehnungsbereich bestimmen 3 Stichprobe ziehen 4 Nach der Regel entscheiden vor den Daten mit den Daten
Die vier Schritte eines Tests: Regel vor den Daten, Entscheidung mit den Daten.

Die Nullhypothese wÀhlen

Ein Hersteller von Kopfhörern behauptet: „Höchstens 20 % der GerĂ€te werden zurĂŒckgeschickt.“ Ein Verbraucherportal will mit einer Stichprobe belegen, dass die Quote höher ist. Was soll die Stichprobe belegen? Die Aussage, die die Daten stĂŒtzen sollen, wird zur Gegenhypothese H₁: . Die Nullhypothese H₀ ist das Gegenteil: . Der Grund: Ein Test kann H₀ nur ablehnen. Eine Ablehnung ist die starke Aussage, und die soll die Behauptung sein, die wir belegen wollen.

Warum nicht umgekehrt? „Nicht abgelehnt“ heißt nur, dass die Daten nicht gegen H₀ ausreichen, und ist kein Beweis fĂŒr H₀. StĂŒnde die Behauptung „mehr als 20 %“ in H₀, könnte der Test sie also nie belegen. Als H₁ dagegen muss sie sich durch die Daten durchsetzen: Nur wenn das Ergebnis deutlich gegen H₀ spricht, gilt sie als gestĂŒtzt.

Der Randwert gehört zu H₀. Das ist wichtig, weil wir spĂ€ter mit rechnen: Es ist der ungĂŒnstigste Fall, in dem H₀ gerade noch gilt.

Das Ziel bestimmt also die Nullhypothese. Will dagegen der Hersteller belegen, dass seine Quote unter 20 % liegt, dann ist und . Mit denselben Zahlen wechselt H₀, sobald das Ziel wechselt. Ein Test mit heißt rechtsseitig, einer mit linksseitig; beide zusammen sind die einseitigen Tests.

Schiebe z: 1 steht fĂŒr „mehr als 20 %“ belegen, 0 fĂŒr „weniger als 20 %“. Was passiert mit H₀ und H₁, und wohin gehört der Randwert?

Der Ablehnungsbereich

Die Entscheidungsregel

ZurĂŒck zu Mira: gegen bei . Viele Treffer sprechen gegen H₀, also lehnen wir H₀ ab, sobald die Trefferzahl mindestens einen Wert erreicht. Die Menge heißt Ablehnungsbereich, die ĂŒbrigen Werte bilden den Annahmebereich. Liegt das Ergebnis im Ablehnungsbereich, wird H₀ abgelehnt, sonst wird H₀ nicht abgelehnt. Das Bild zeigt den Ablehnungsbereich .

Histogramm: 0: 0,056, 1: 0,188, 2: 0,282, 3: 0,25, 4: 0,146, 5: 0,058, 6: 0,016, 7: 0,003, 8: 0, 9: 0, 10: 0; hervorgehoben: 6–10 (Ablehnungsbereich) 0 0,1 0,2 0,3 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Ablehnungsbereich P(X = k) k
Ratetest mit n = 10 und p₀ = 0,25: Der Ablehnungsbereich {6, 
, 10} ist rosa, der Annahmebereich blau.

Die Grenze k finden

Wie groß darf der Ablehnungsbereich sein? Wir wĂ€hlen so, dass H₀ höchstens mit der Wahrscheinlichkeit α fĂ€lschlich abgelehnt wird. Wir rechnen mit , dem ungĂŒnstigsten Fall von H₀. Gesucht ist das kleinste k mit , denn ein möglichst großer Bereich macht den Test empfindlich. Über das Gegenereignis gilt .

Warum genĂŒgt ? FĂŒr jedes kleinere aus H₀ sind viele Treffer noch seltener. Wenn der Bereich bei die Grenze α einhĂ€lt, dann erst recht bei allen anderen Werten von H₀.

FĂŒr : ist zu groß, passt. Also , und Miras 6 richtige Antworten liegen im Ablehnungsbereich: H₀ wird abgelehnt.

Schiebe k, bis P(X ≄ k) zum ersten Mal höchstens α = 0,05 ist.

Der linksseitige Test

Nicht jeder Test sucht nach zu vielen Treffern. Eine Spielerin traf bisher 80 % ihrer FreiwĂŒrfe, . Nach einer Verletzung vermutet der Trainer, dass ihre Quote gesunken ist. Belegt werden soll also : und , ein linksseitiger Test. Die Richtung von H₁ legt die Seite fest: Wenige Treffer sprechen fĂŒr H₁, also liegt der Ablehnungsbereich links, .

Die Grenze ist der grĂ¶ĂŸte Wert mit , diesmal direkt aus der Tabelle und ohne Gegenereignis. Bei und gilt , aber . Also : Bei höchstens 12 Treffern wird H₀ abgelehnt.

Rechts wurde das kleinste gesucht, links das grĂ¶ĂŸte . Beide Male ist es der Wert, der den Ablehnungsbereich so groß wie möglich macht, ohne α zu verletzen.

Ein Beispiel fĂŒr den Ablauf: Nach 20 WĂŒrfen zĂ€hlt der Trainer die Treffer. Bei 11 Treffern liegt das Ergebnis in , H₀ wird abgelehnt. Bei 14 Treffern liegt es im Annahmebereich, und der Trainer kann die Vermutung nicht stĂŒtzen.

Schiebe g. Bis zu welchem g bleibt P(X ≀ g) unter α = 0,05?

Der Fehler 1. Art

Wenn H₀ gilt und trotzdem abgelehnt wird

Ein Test kann sich irren. Angenommen, Mira hat nur geraten, H₀ gilt also. Auch dann liegt ihr Ergebnis manchmal im Ablehnungsbereich, denn GlĂŒck kommt vor. Wird ein wahres H₀ abgelehnt, sprechen wir vom Fehler 1. Art. Die Tafel zeigt alle vier FĂ€lle aus Wirklichkeit und Entscheidung: zwei sind richtig, zwei sind Fehler. Der Fehler 2. Art, das Beibehalten eines falschen H₀, bekommt den nĂ€chsten Abschnitt.

Entscheidung und Wirklichkeit beim Test Test: H₀ abgelehnt Test: H₀ beibehalten H₀ gilt H₁ gilt Fehler 1. Art richtig richtig Fehler 2. Art
Wirklichkeit und Entscheidung: zwei Felder sind richtig, zwei sind Fehler.

Kai hat nur geraten und trifft zufĂ€llig 7-mal: Der Test lehnt H₀ ab, und das ist ein Fehler 1. Art. Jonas hat gelernt und erreicht ebenfalls 7: Derselbe Test lehnt H₀ ab, diesmal richtig. Am Ergebnis allein sieht man nicht, welcher Fall vorliegt.

Wie wahrscheinlich ist der Fehler?

Die Wahrscheinlichkeit des Fehlers 1. Art rechnen wir unter H₀, mit : . In HĂ€ufigkeiten: Von 1000 reinen Ratenden werden etwa 20 fĂ€lschlich als „gelernt“ eingestuft.

Das Niveau α ist nur die Obergrenze, die wir uns erlauben. Weil die Wahrscheinlichkeiten von Wert zu Wert springen, bleibt die tatsÀchliche Fehlerwahrscheinlichkeit meist unter α, hier 0,0197 statt 0,05. Ein kleineres α verkleinert den Ablehnungsbereich.

Schiebe α. Wie Àndert sich der Ablehnungsbereich, und bleibt die tatsÀchliche Wahrscheinlichkeit unter α?

Der Fehler 2. Art

Die Alternative kennen

Der Fehler 2. Art ist das GegenstĂŒck: H₀ wird beibehalten, obwohl H₁ gilt. Ben hat gelernt und weiß etwa jede zweite Antwort, , erreicht aber nur 5 Treffer, außerhalb des Ablehnungsbereichs . Um die Wahrscheinlichkeit dieses Fehlers zu berechnen, brauchen wir ein konkretes aus H₁. Der Fehler tritt auf, wenn im Annahmebereich liegt, gerechnet mit : Der Test ĂŒbersieht Bens Wissen also in etwa 62 von 100 FĂ€llen.

Schiebe p₁. Blau: Verteilung unter p₀, gelb: unter p₁, violett: ÎČ. Bei welchem p₁ wird der Fehler 2. Art klein?

α gegen ÎČ

Lassen sich beide Fehler klein machen? Der Regler verschiebt die Grenze . Ein kleinerer Ablehnungsbereich senkt α, doch ÎČ steigt: bei ist und , bei ist und . Bei gleichem lassen sich beide nicht zugleich beliebig klein machen. Hilfe bringt nur eine grĂ¶ĂŸere Stichprobe: Mit und Ablehnungsbereich sinkt bei auf 0,2517.

Schiebe k. Rosa: α, violett: ÎČ. Was passiert mit α und ÎČ, wenn der Ablehnungsbereich kleiner wird?

Mit Software lassen sich beide Verteilungen und die FehlerflĂ€chen direkt zeichnen: VerĂ€ndert man , oder , sieht man sofort, welche FlĂ€che zu α und welche zu ÎČ gehört.

Was „signifikant“ bedeutet

Signifikant heißt: im Ablehnungsbereich

Ein Ergebnis heißt signifikant zum Niveau α, wenn es im Ablehnungsbereich zu diesem Niveau liegt. Mehr steckt nicht dahinter. „Signifikant“ sagt nicht, dass ein Unterschied groß oder wichtig ist: Bei ist schon eine Trefferquote von 25,8 % zum Niveau 5 % signifikant ĂŒber . Und es hĂ€ngt vom Niveau ab: Miras 6 Treffer sind zum Niveau 5 % signifikant, zum Niveau 1 % (Bereich ) nicht.

Schiebe das Ergebnis x. Ab welchem x wechselt die Beschriftung?

Was der Test nicht sagt

Der Test rechnet unter der Annahme H₀. Er sagt: WĂ€re Mira nur am Raten, hĂ€tte ein Ergebnis wie ihres die Wahrscheinlichkeit 0,0197. Er sagt nicht, mit welcher Wahrscheinlichkeit Mira geraten hat. Die Wahrscheinlichkeit des Ergebnisses unter H₀ ist etwas anderes als die Wahrscheinlichkeit von H₀ unter dem Ergebnis. Auch α ist eine Wahrscheinlichkeit unter H₀, nĂ€mlich H₀ fĂ€lschlich abzulehnen, und nicht die von H₀. Und wer H₀ nicht ablehnt, hat H₀ nicht bewiesen: Bens 5 Treffer zeigen nur, dass die Daten nicht ausreichen.

Punktefeld: 100 Symbole, 2 im Ablehnungsbereich hervorgehoben, 98 im Annahmebereich hervorgehoben 2× im Ablehnungsbereich 98× im Annahmebereich
Von 100 Ratenden landen im Mittel etwa 2 im Ablehnungsbereich. Das ist α, nicht die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand im Ablehnungsbereich geraten hat.

Umfragen im Sachzusammenhang

Bei der letzten Wahl bekam Partei X 40 %. Eine Umfrage unter 100 Personen ergibt 30 Nennungen. Getestet wird gegen zum Niveau 5 %. Der Ablehnungsbereich ist , das Ergebnis ist signifikant. Im Bericht darf stehen: „Der RĂŒckgang ist zum Niveau 5 % signifikant.“ Nicht stehen darf: „Mit 95 % Wahrscheinlichkeit hat X Stimmen verloren.“ Bei 32 Nennungen wĂ€re das Ergebnis nicht signifikant, aber auch ein unverĂ€nderter Anteil wĂ€re nicht bewiesen.

Schiebe x, die Zahl der Befragten fĂŒr die Partei (von 100). Bei welchen Werten ist die Umfrage zum Niveau 5 % signifikant, bei welchen auch zum Niveau 1 %?
Weiter: Quotientenregel und gebrochen-rationale Funktionen

Konzepte

HypothesentestSignifikanztestBinomialverteilungWahrscheinlichkeit