Ableitung von Sinus und Kosinus

25 Minuten · 7 Abschnitte

Wie schnell ist ein Pendel in jedem Augenblick?

Ein Pendel hängt an einer Feder und schwingt auf und ab. Seine Auslenkung nach t Sekunden beträgt Zentimeter. Wann ist es am schnellsten, wann steht es für einen Augenblick still, und wie stark wird es beschleunigt? Die Antwort steckt in der Steigung der Kurve. Dafür lesen wir zuerst am Sinus ab, wie steil er verläuft, finden seine Ableitung und die des Kosinus und untersuchen dann Verknüpfungen mit linearen Funktionen.

Steigung ablesen

Auf und ab

Die Sinuskurve kennst du aus der 10. Klasse. Jetzt fragen wir, wie steil sie in jedem Punkt ist, also nach der Steigung ihrer Tangente (aus der 11. Klasse: dem Grenzwert der Sekantensteigungen, der Ableitung an dieser Stelle). Ziehe den Punkt P über die Kurve: Solange sin x wächst, steigt auch die Tangente, ihre Steigung ist positiv. Wo die Kurve fällt, ist die Steigung negativ. Auf dem Hochpunkt bei und im Tiefpunkt bei liegt die Tangente waagrecht, die Steigung ist 0.

Achte auf die beiden Zahlen unter der Figur. Die Höhe sagt, wo die Kurve liegt, die Steigung, wie sie dort verläuft. Beide können verschiedene Vorzeichen haben.

Ziehe x₀ und vergleiche Höhe und Steigung: Wo ist die Steigung 0, wo positiv, wo negativ?

Steil ist nicht hoch

Wo ist die Kurve am steilsten? Viele tippen auf den Hochpunkt, denn dort ist die Höhe am größten. Doch Höhe und Steigung sind zwei verschiedene Größen: Am Hochpunkt ist die Steigung 0. Am steilsten verläuft die Kurve an den Nullstellen. Das Steigungsdreieck zeigt es: Von P geht es eine Einheit nach rechts, dann so weit hinauf oder hinab, wie die Tangente dort ansteigt. Bei ist das eine Einheit hinauf, die Steigung ist 1. Bei geht es eine Einheit hinab: die Steigung ist −1.

Fünf Werte zum Merken: Bei hat die Sinuskurve die Steigung . Die Werte dazwischen fügt der nächste Abschnitt zu einer eigenen Kurve zusammen.

Ziehe x₀ und beobachte den violetten Anstieg: Bei welchem x₀ ist er am größten, bei welchem 0?

Die Steigungskurve von sin

Die Steigungskurve entsteht

Aus den fünf Werten des letzten Abschnitts machen wir eine Kurve. Zu jedem x tragen wir die Steigung m der Sinuskurve als neuen Punkt Q(x | m) in dasselbe Koordinatensystem ein. Ziehe x₀ nach rechts: Bei liegt Q in der Höhe 1, bei in der Höhe 0, bei in der Höhe −1. Dazwischen füllen sich die grünen Punkte zu einer glatten Wellenkurve, die bei 1 startet, bei wieder durch 0 geht und bei zum Anfangswert 1 zurückkehrt.

Erst raten, dann nachsehen: Diese Kurve kennst du aus der 10. Klasse. Welche ist es?

Ziehe x₀ von links nach rechts und beobachte, welche Punkte Q hinterlässt.

Die Ableitung von sin

Es ist der Kosinus. Die Funktion, die jedem x die Steigung der Kurve zuordnet, heißt Ableitungsfunktion oder kurz Ableitung. Für den Sinus gilt

Das ist stimmig: Die Sinuskurve steigt bei 0 am stärksten, und der Kosinus hat dort sein Maximum 1. Sie hat ihren Hochpunkt bei , und der Kosinus hat dort seine Nullstelle. Wo sie fällt, liegt der Kosinus unter der x-Achse.

Im Bild stimmen die Steigung von sin und der Wert an jeder Stelle überein. Bei ist die Steigung . Achtung, Bogenmaß: Die Formel gilt nur, wenn x im Bogenmaß gemessen wird. Für die Steigung bei muss der Rechner auf RAD stehen und zeigen; im Gradmodus würde er liefern.

Ziehe x₀ und vergleiche die beiden Chips: Steigung von sin und cos x₀.

Die Ableitung von cos

Die Steigung von cos

Jetzt dieselbe Methode beim Kosinus. Ziehe x₀ und beobachte die Kosinuskurve: Sie fällt von 1 bei bis −1 bei , ihre Steigung ist dort negativ, am steilsten (−1) bei . Am Hochpunkt bei 0 und am Tiefpunkt bei π ist sie 0. Danach steigt die Kurve bis , die Steigung ist positiv und bei gleich 1.

Die grünen Punkte zeichnen die Steigungskurve: den an der x-Achse gespiegelten Sinus. Deshalb gilt

Das Minuszeichen ist kein Zufall. Zwischen 0 und π ist positiv, die Kosinuskurve aber fällt: Ohne das Minus hätte die Ableitung das falsche Vorzeichen. Die Steigung ist übrigens nicht der Funktionswert: Bei ist , die Steigung aber −1.

Ziehe x₀ und vergleiche die Steigung m mit dem Chip sin x₀: Welcher Zusammenhang fällt auf?

Ein Kreislauf

Leitet man das Ergebnis erneut ab, entsteht eine Kette: . Nach vier Ableitungen ist man wieder am Anfang. Für heißt das

Die zweite Ableitung ist die Ableitung der Ableitung. Beim Sinus ist sie das Negative der Funktion selbst: . Diese Eigenschaft steckt hinter jeder Schwingung; im letzten Abschnitt kommt sie beim Pendel wieder vor.

Die Kurven von f (blau), f′ (grün) und f″ (violett). Die Punkte zeigen bei x = π/3 die Werte 0,87; 0,50 und −0,87: f″ ist an jeder Stelle das Negative von f.

Sinus mit linearem Argument

Der Faktor b

Bisher stand im Sinus nur x. Was ändert sich bei , etwa bei ? Die Kurve wird waagrecht um den Faktor b gestaucht, ihre Periode ist . Gestaucht heißt: Sie steigt b-mal so steil. Bei hat die Steigung b, nicht 1.

Das ist die Kettenregel: Die innere Funktion hat die Ableitung , die äußere Funktion Sinus die Ableitung Kosinus. Also

Der häufigste Fehler ist, den Faktor b zu vergessen und stehen zu lassen. Zum Beispiel hat bei die Steigung . Kontrolliere den Faktor an der Steigung im Bild.

Ändere b und ziehe x₀: Welche Zahl stimmt immer mit der Steigung überein?

Verschieben, strecken, anheben

Bei ist die innere Funktion mit der Ableitung 1: Es entsteht kein Faktor, und die Verschiebung bleibt im Argument. Es gilt ; die Ableitung ist wie die Funktion verschoben. Der Faktor a streckt die Kurve in y-Richtung, alle Steigungen werden a-mal so groß. Die Konstante d hebt die Kurve nur an und fällt beim Ableiten weg.

Alles zusammen: hat die Ableitung . Zum Beispiel ist für die Ableitung . Weder die Verschiebung c noch die Konstante d taucht als Faktor auf.

Ändere a, c und d und beobachte, welcher der Regler die Steigung im Punkt P nie verändert.

Summen und Produkte mit sin

Summen

Einfache Verknüpfungen entstehen durch Rechnen mit Funktionen. Bei setzt sich der Graph aus der Geraden und dem Sinus zusammen. Auch die Steigungen addieren sich, man leitet gliedweise ab:

Ein linearer Summand liefert nur seine Steigung: . Achte auf die Vorzeichen: Bei ist die Ableitung , denn . Im Bild ist die Summenkurve nie fallend, denn ihre Steigung ist nie negativ.

Ziehe x₀ und beobachte, wie sich die Steigung der Summe aus den beiden Steigungen zusammensetzt.

Produkte und die Regelwahl

Bei steht ein Produkt. Nach der Produktregel gilt mit und :

Ebenso gilt . Nicht ist die Ableitung von : Das wäre , die einfach multiplizierten Ableitungen. Bei liefert die Produktregel , der falsche Ansatz nur .

Wie wählt man die Regel? Frage dich: Welche Rechenart steht ganz außen? Bei eine Summe, bei ein Produkt, bei eine Verkettung mit der Kettenregel.

Ziehe x₀ und vergleiche die Steigung u′v + uv′ mit dem falschen Ansatz u′·v′.

Extrem- und Wendepunkte

Nullstellen der Ableitung

Wir untersuchen auf . Für einen Extrempunkt muss die Tangente waagrecht sein, also , das heißt . Der Rechner (RAD) liefert — aber nur eine Lösung. Die Kosinuskurve schneidet die Gerade in zweimal; die zweite Lösung folgt aus der Symmetrie: .

Bei wechselt von + nach −: Hochpunkt. Bei wechselt sie von − nach +: Tiefpunkt. Dasselbe zeigt : Es ist und .

Ziehe x₀ und finde die beiden Stellen, an denen die Steigung 0 ist.

Kein Extremum

ist nur eine notwendige Bedingung. Bei ist nie negativ und bei gleich 0. Dort liegt die Tangente waagrecht, aber ist links und rechts von π positiv: Es gibt keinen Vorzeichenwechsel, die Kurve steigt weiter. Der Punkt ist ein Terrassenpunkt, kein Extrempunkt. Erst der Vorzeichenwechsel von entscheidet.

Ziehe x₀ über π und achte darauf, ob die Steigung ihr Vorzeichen wechselt.

Wendestellen

Wendestellen sind Nullstellen von mit Vorzeichenwechsel. Für ist , im Intervall also nur bei gleich 0. Dort geht die Kurve von der Rechtskurve () in die Linkskurve () über; die Wendetangente hat die Steigung −1. Extrem- und Wendestellen liegen bei der Sinuskurve an verschiedenen Stellen: Extrema bei , Wendestellen bei .

Die Sinuskurve f (blau) und f″ = −sin x (violett) schneiden sich bei π: dort liegt die Wendestelle W(π | 0), f″ wechselt das Vorzeichen.

Schwingungen untersuchen

Auslenkung und Geschwindigkeit

Das Pendel aus dem Einstieg schwingt nach (s in cm, t in s). Wie schnell ist es zur Zeit t? Die Geschwindigkeit ist die momentane Änderungsrate der Auslenkung, also die Steigung der s-Kurve. Mit der Kettenregel gilt

Der Faktor 12 ist Amplitude mal ω. Im Umkehrpunkt (größte Auslenkung 4 cm bei s) liegt die Tangente waagrecht: , das Pendel steht einen Augenblick still. Am schnellsten ist es in der Gleichgewichtslage , dort ist die Kurve am steilsten und cm/s. Nicht die größte Auslenkung, sondern der Nulldurchgang liefert also die größte Geschwindigkeit — wie schon beim Sinus: Höhe und Steigung sind verschieden.

Ziehe t und finde, wann das Pendel stillsteht und wann es am schnellsten ist.

Beschleunigung und Modell

Die Beschleunigung ist die Änderungsrate der Geschwindigkeit, also die zweite Ableitung der Auslenkung: . Allgemein gilt für

Das Minus zeigt: Die Beschleunigung ist der Auslenkung entgegengerichtet, sie zieht zur Gleichgewichtslage zurück. Ein größeres ω bei gleicher Amplitude macht die Schwingung schneller: Die Höchstgeschwindigkeit ist . Grenze des Modells: Es schwingt ewig mit gleicher Amplitude; ein echtes Pendel wird durch Reibung gedämpft und kommt zur Ruhe. Das Modell taugt nur für kurze Zeit.

Ändere ω und A und vergleiche die Höchstwerte der grünen und der blauen Kurve.
Weiter: Quotientenregel und gebrochen-rationale Funktionen

Konzepte

AbleitungenSinusKosinusSchwingung