Sieben Wissensarten und die Landkarte des Lehrplans
Wie hier gelernt wird – und wie der Lehrplan gebaut ist
Wer unseren Tagesablauf zum ersten Mal sieht, stutzt vielleicht: vormittags Übungssoftware in kurzen, konzentrierten Blöcken, nachmittags Werkstätten mit Gespräch und Vergleich, dazu Projekte, bei denen niemand eine Aufgabe stellt. Warum nicht einfach Schulstunden, Fach für Fach?
Die Antwort folgt aus einer Beobachtung: Verschiedene Arten von Wissen werden verschieden gelernt. Das Einmaleins verlangt etwas anderes als das Radfahren, und das Radfahren etwas anderes als die Ehrlichkeit. Eine Schule, die alles gleich unterrichtet, wird einem Teil davon gerecht und verfehlt den Rest.
Sieben Arten von Wissen
Die Ordnungsfrage, die in unserem Curriculum über die Methode
entscheidet, lautet nicht „zu welchem Fach gehört das?“, sondern:
Welche Art von Wissen ist das? Denn jede
Die ersten vier sind die akademisch vertrauten. Fakten wie das Einmaleins müssen blitzschnell abrufbar sein. Verfahren wie das schriftliche Dividieren folgen festen Regeln und führen jedes Mal zum selben Ergebnis. Konzepte, etwa das Verständnis von Brüchen, erklären, warum ein Verfahren funktioniert. Fall-Urteil ist das Erkennen dessen, was in einer unübersichtlichen Lage gerade zählt, etwa eine Schachstellung zu lesen oder einen historischen Vergleich zu prüfen.
Die letzten drei verlassen das Klassenzimmer. Körper-Fertigkeiten wie das Radfahren lernt niemand aus einem Quiz. Jemand macht es vor, das Kind probiert, der Körper lernt ohne Worte. Eigenständiges Handeln heißt, ein eigenes Projekt zu wählen, zu planen und durchzuziehen, an Vorhaben, deren Ausgang offen ist und zählt. Und Haltungen wie Ehrlichkeit werden nicht frontal unterrichtet. Sie wachsen aus der Umgebung und dem Vorbild der Menschen, mit denen ein Kind jeden Tag lebt.
Deshalb soll jedes Thema in unserem Wissensnetz seine
Drei Modi durch den Tag
Der Schultag hat bei uns drei Formen, drei Modi, auf die sich die sieben Wissensarten verteilen. Kein Thema landet zufällig in einem Stundenplan-Block. Es geht dorthin, wo seine Methode zu Hause ist.
Im
Der
Der
Daraus ergibt sich die Form des Tages: der Mastery-Modus in kurzen, konzentrierten Blöcken am Vormittag, der angeleitete und der freie Modus am Nachmittag. Das Radfahren zeigt die Aufteilung im Kleinen: Die Physik des Gleichgewichts lässt sich in der Mastery-Engine abfragen. Das Fahren selbst übt ein Kind mit der Lernbegleiterin auf dem Übungsplatz. Wie ein ganzer Tag abläuft, beschreibt der Artikel Ein Tag bei Fido.
Drei Tiefen des Verstehens
Verstehen hat Tiefen. Auf dem Rad heißt das: einer perfekten Kurve
zusehen, an einer wackligen sehen, was falsch läuft,
und sie schließlich selbst fahren. Das sind drei verschiedene
Fähigkeiten, und wer die erste hat, hat noch lange nicht die dritte. Wir
nennen die drei Verstehens-Tiefen
Man kann die drei Tiefen auch als Bild sehen, und das Bild erklärt,
warum sie so verschieden viel kosten. Nehmen wir die Brüche.
Zwei Dinge zählen: wie viele Punkte es gibt und wie groß der Hof um jeden Punkt ist. Der Hof sagt, wie verkleidet ein Bruch daherkommen darf, damit das Kind ihn noch erkennt. Ein Punkt mit winzigem Hof wird nur in genau der Form erkannt, in der er geübt wurde. Das ist die häufigste Gestalt von „gelernt“, die in der Probe dann doch versagt.
Das Bild zeigt auch, warum eine Erklärung allein die dritte Tiefe nicht liefert. Eine gute Erklärung ist ein Weg über die Fläche. Wer ihn einmal mitgeht, kennt danach die Punkte auf dem Weg und die Verbindungen entlang des Wegs, aber nichts daneben. Ändert man die Aufgabe ein wenig, ist der Weg weg, weil das Kind ihn nie selbst gebaut hat. Die Fläche lernt man nur kennen, indem man selbst losgeht, auch in Richtungen, die sich als falsch herausstellen. Genau das passiert, wenn ein Kind eine Weile an einer Aufgabe ringt, bevor es die Lösung sieht: Es lernt, welche Schritte nicht gehen, und versteht dann, warum der richtige geht.
Nicht jedes Thema braucht die Fläche. Die dritte Tiefe ist die teure: Das Ringen lässt sich nicht abkürzen, weil das Ringen die Arbeit ist. Darum setzen wir die Tiefe pro Thema: Was viele spätere Themen trägt und in immer neuer Verkleidung wiederkehrt (der Stellenwert, die Brüche, der Relativsatz), bekommt die Fläche. Was für sich steht (die Hauptstadt eines Landes, der Name einer Blattform), darf beim Erkennen und Beurteilen bleiben. Mit einer guten Erklärung geht das schnell. Die gesparten Stunden gehören den tragenden Themen.
Wie viel Ringen richtig ist, entscheidet sich nicht an der Erklärung. Sie bleibt so gut wie möglich. Bei den tragenden Themen kommt sie nur später: nach einem eigenen Versuch und im Vergleich mit dem, was das Kind selbst probiert hat. Der Versuch ist begrenzt, und die Grenze setzt das Kind: so viel Eigenarbeit, wie es tragen kann, und Hilfe, bevor die Lust kippt. Ein Versuch, der ohne Lösung endet, hinterlässt weniger als jede Erklärung. Deshalb endet bei uns kein Versuch ohne Lösung, gefunden oder gezeigt.
In der Lernsoftware lässt sich darum jede Übungskarte auf drei Arten
stellen, eine pro Tiefe: „Was ist das?“, „Stimmt das?“, „Mach es
selbst.“ Und eine Stufe in einem Fach gilt erst als abgeschlossen, wenn
das
Vier Orientierungen, 22 Fachfamilien
Was gelernt wird, ist in klassischen Stundenplänen nach Verwaltungsfächern sortiert: Deutsch, Mathe, Sport, Biologie. Das Fido-Curriculum gliedert den Stoff danach, was Lernende mit dem Wissen tun. Eine Formel zu beweisen ist eine andere Tätigkeit, als ein Regal zu bauen. Einen Brief zu schreiben ist eine andere, als schwimmen zu lernen. Was man tut, bestimmt, wie man es am besten lernt.
Vier Orientierungen bilden die oberste Ebene:
Unterhalb der Orientierungen liegen 22 Fachfamilien. Eine Familie bündelt Fächer, die auf dieselbe Weise gelernt werden. Lesen, Schreiben, Rechtschreibung, Grammatik und das freie Sprechen bilden zusammen Sprache. Radfahren, Schwimmen, Haltung und Atmung bilden zusammen Fitness und Bewegung. Sport als Leistung und Wettkampf gehört dagegen zu Erschaffen: Wer schwimmt, um sicher im Wasser zu sein, lernt bei Fitness und Bewegung, wer Bahnen auf Zeit schwimmt, beim Sport. Was im bayerischen Lehrplan über mehrere Schulfächer verstreut ist, wird hier danach neu zusammengelegt, wie man es lernt.
Das ist keine Abkehr vom Lehrplan. Jedes Fach des bayerischen LehrplanPLUS hat in dieser Ordnung ein Zuhause, und die Zuordnung ist für jedes Fach festgehalten. Die Orientierungen sind eine zweite Landkarte über demselben Gelände. Offen ist damit noch, wie ein Kind in einem einzelnen Fach vorankommt.
Stufen: der Weg durch jedes Fach
Jedes Fach führt über nummerierte Stufen. Eine
Das Radfahren zeigt die Stufen im Kleinen (sie heißen kurz Cy1 bis Cy3, Cy wie englisch cycling). Cy1 (Klasse 1–4): frei fahren, anhalten, Handzeichen geben, bis hin zur polizeilichen Radfahrprüfung der Jugendverkehrsschule. Cy2 (Klasse 5–8): selbstständig im Straßenverkehr, Routen planen, einen Platten flicken. Cy3 (Klasse 9–12): das Rad als Verkehrsmittel für den Alltag, also Mehrtagestour, Wartung, Fahren bei Nacht und Regen. Die Klassenangaben sagen, in welchen Jahrgangsstufen eine Regelschule diesen Stoff behandelt. Sie sind ein Anhaltspunkt, keine Frist. Am Ende der Stufen steht ein Erwachsener, der sich selbstständig mit dem Rad bewegt.
Auf dem Weg zu jeder Stufe gibt es
Jede Stufe nennt im Lehrplan-Explorer ihre Themen aus dem Wissensnetz, ihre Streifenzahl und ihre typische Dauer. Das Curriculum wächst Fach für Fach. Wo eine Stufe ihre Inhalte noch nicht hat, sagt der Explorer das offen, statt die Leere zu verstecken. Offen bleibt, was nach der letzten Stufe eines Fachs kommt.
Vertiefungen: nach dem Fundament kommt die Wahl
Die Stufenfolge jedes Fachs hat ein definiertes Ende, das
Jenseits des Fundaments hört die Pflicht auf und die Wahl beginnt:
die
In eine Vertiefung führt ein klar benanntes Tor: eine externe Prüfung, ein beobachtetes Projekt, eine Empfehlung der Lernbegleitung. Das Tor sorgt dafür, dass niemand unvorbereitet hineingeht. Eine zweite Regel sorgt dafür, dass niemand hineingedrängt wird: Eine Vertiefung wird angeboten, nie zugewiesen.
Für Eltern folgt daraus vor allem eines: Breite ist Pflicht, Höhe ist Wahl. Ein Kind muss in jeder Familie das Fundament erreichen. In keiner einzigen muss es darüber hinaus. Wer im Lehrplan-Explorer eine Familie öffnet, sieht beides getrennt: die Stufen als nummerierte Folge, die Vertiefungen als benannte Wege dahinter. Eine Frage bleibt: In welcher Form existiert das alles, sodass der Explorer es zeigen und die Software ein Kind hindurchführen kann?
Wie die Inhalte modelliert sind
Der ganze Lehrplan liegt bei uns als Daten vor: die
Wissensarten, die Modi, die Orientierungen, die Stufen. Er bildet ein
einziges
Der kleinste Baustein ist das
Über die Voraussetzungen verbinden sich die Themen zu einem Netz, nicht zu einer Liste. Weil das Modell weiß, was auf was aufbaut, kann die Mastery-Engine ein Kind dort abholen, wo es steht, und nicht dort, wo sein Jahrgang steht. Sie legt ihm immer das nächste Thema vor, dessen Voraussetzungen schon erfüllt sind. Die Karte zeigt, was es gibt. Das Netz zeigt, was für dieses Kind als Nächstes drankommt.
Jedes Thema, jede Übung, jeder Artikel ist eine lesbare Textdatei, die wie Programmcode geprüft und versioniert wird. Kaputte Verweise und fehlende Angaben fallen beim Bauen auf, nicht erst im Klassenzimmer. Aus diesen Dateien entstehen die App, der Lehrplan-Explorer und die Daten im Hintergrund. Auch eine Stufe, die noch keine Themen hat, ist ausdrücklich verzeichnet. Deshalb kann der Explorer offen sagen, wo ein Fach noch wächst.
Damit lässt sich die Frage vom Anfang beantworten. Schulstunden, Fach für Fach, behandeln jedes Wissen gleich. Bei uns entscheidet die Wissensart, wie und zu welcher Tageszeit etwas gelernt wird, und das Wissensnetz führt jedes Kind in seinem Tempo durch denselben Lehrplan. Noch nicht fertig ist beides: Die Wissensart steht noch nicht an jedem Thema, und viele Stufen haben ihre Inhalte noch nicht.
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