Der Satz des Pythagoras
Woran erkennt man einen rechten Winkel?
Ein Zimmermann steckt die Ecke eines Fundaments ab. Er hat kein Winkelmaß, nur ein Seil mit zwölf Knoten in gleichen Abständen. Er hält einen Knoten in der Ecke C fest, spannt das Seil zu einem Dreieck – und trotzdem sitzt die Ecke im rechten Winkel. Wie geht das?
Probiere im Bild alle Aufteilungen durch. Nur die Seiten 3, 4 und 5 ergeben einen rechten Winkel – und der Haken sitzt immer gegenüber der 5, auch wenn du 5 und 3 Abstände an C legst. Bei 4, 4, 4 sind es nur 60°, bei 3, 3, 6 liegt das Seil flach.
Warum gerade 3, 4 und 5? Dahinter steckt ein Satz über Flächen: In jedem rechtwinkligen Dreieck legen die beiden kürzeren Seiten fest, wie lang die längste ist. Wir lesen ihn als Flächensatz, beweisen ihn, rechnen mit ihm – und nutzen ihn für Leitern, Diagonalen und Abstände.
Der Flächensatz
Hypotenuse und Katheten
In einem rechtwinkligen Dreieck haben die Seiten feste Namen. Die Seite, die dem rechten Winkel
gegenüberliegt, ist die
Die Namen hängen an der Lage zum rechten Winkel, nicht an der Lage auf dem Blatt: Die Hypotenuse muss weder unten noch schräg stehen. Drehe das Dreieck und suche sie jedes Mal neu. Tipp: Markiere zuerst den rechten Winkel; die Seite gegenüber ist dann die Hypotenuse.
Der Flächensatz
Über jeder Seite lässt sich ein Quadrat zeichnen. Seine Fläche ist das Quadrat der Seitenlänge: Über einer
Seite von 3 cm liegt ein Quadrat von 9 cm². Umgekehrt ist die Seite die Wurzel der Fläche: Zum Quadrat mit
9 cm² gehört die Seite
Im Bild unten hat das Dreieck die Katheten 3 cm und 4 cm und die Hypotenuse 5 cm. Die Quadrate über den Katheten haben 9 cm² und 16 cm², zusammen 25 cm² – so viel wie das Quadrat über der Hypotenuse, 5 · 5 = 25. Der Satz des Pythagoras sagt, dass diese Flächenrechnung in jedem rechtwinkligen Dreieck aufgeht:
Die beiden Kathetenquadrate ergeben zusammen genau das Hypotenusenquadrat. Es geht um Flächen, nicht um Längen – 3 + 4 ist nicht 5. Der Satz gilt nur im rechtwinkligen Dreieck. Er trägt den Namen des griechischen Gelehrten Pythagoras (6. Jahrhundert v. Chr.); die Beziehung selbst kannten schon die Babylonier, Jahrhunderte früher.
Bei a = 3 geht alles glatt auf: 25 ist eine Quadratzahl, c = 5. Stelle a = 2 ein. Jetzt hat das grüne Quadrat 4 + 16 = 20 cm², und 20 ist keine Quadratzahl. Der Chip zeigt c ≈ 4,47 – aber welche Seite gehört zu 20 cm², wenn kein Bild sie misst? Das rechnet der Satz noch nicht aus; er liefert erst die Fläche.
Ein Beweis durch Zerlegen
Ein mathematischer Satz hat zwei Teile: eine Voraussetzung, die man annimmt, und eine
Behauptung, die daraus folgt. Der Satz des Pythagoras lautet: Wenn ein Dreieck
rechtwinklig ist, dann gilt
An einem Beispiel nachzurechnen zeigt nur, dass der Satz dort stimmt. Ein Beweis zeigt ihn für jedes rechtwinklige Dreieck zugleich – deshalb kommt er ohne Zahlen aus. Hier gelingt das durch Zerlegen.
Lege vier gleiche rechtwinklige Dreiecke (
Das große Quadrat und die vier Dreiecke sind in beiden Fällen gleich, also auch der Rest. Jedes Dreieck ist ein
halbes Rechteck mit den Seiten a und b und hat die Fläche
Zieht man die vier Dreiecke ab, bleibt
Die Hypotenuse berechnen
Sind die beiden
Beispiel: a = 2 cm und b = 4 cm. Dann ist
Kontrolle. Die Hypotenuse ist länger als jede Kathete, aber kürzer als
Mit dem Taschenrechner rundet man erst am Ende. Wer schon
Eine Kathete berechnen
Oft ist gerade die längste Seite bekannt – etwa die 5 Abstände des gespannten Seils aus der Einleitung – und eine Kathete gesucht. Die Hypotenusen-Rechnung hilft dann nicht, denn dort waren beide Katheten gegeben. Ist die
Jetzt wird subtrahiert: Das Hypotenusenquadrat ist das größte, davon geht das bekannte
Kathetenquadrat weg. Beispiel: c = 5 cm und b = 4 cm – das 3-4-5-Dreieck vom Anfang, jetzt von
der Hypotenuse aus gerechnet. Dann ist
Anschaulich: Vom großen Quadrat über der Hypotenuse wird das Quadrat über der bekannten Kathete weggenommen; was bleibt, ist das Quadrat über der gesuchten Kathete. Deshalb wird subtrahiert. Im Bild: 25 − 16 = 9 ist das rote Quadrat, seine Seite ist 3.
Welche Seite ist die Hypotenuse? Sie liegt dem rechten Winkel gegenüber – nicht immer trägt sie
den Buchstaben c. Im Dreieck PQR mit dem rechten Winkel bei P gilt
Kontrolle. Eine berechnete Kathete ist immer kürzer als die Hypotenuse. Kommt eine längere Seite
heraus, wurde addiert statt subtrahiert: Mit 5 und 4 ergäbe das
Die Umkehrung
Satz und Umkehrung
In der Einleitung hast du die zwölf Knotenabstände verteilt: Nur bei 3, 4 und 5 saß bei C ein rechter Winkel. Der Satz des Pythagoras erklärt das noch nicht. Er setzt den rechten Winkel schon voraus und sagt nur, was dann für die Seiten gilt. Der Zimmermann braucht die andere Richtung: von den Seiten zum Winkel.
Probiere diese Richtung im Bild aus. Die Seiten a = 3 und b = 4 liegen fest, der
Bei 70° ist
Eine Umkehrung ist nicht automatisch wahr: „Wenn ein Viereck ein Quadrat ist, hat es vier gleich lange Seiten“
stimmt, die Umkehrung nicht (Raute). Beim Satz des Pythagoras gilt sie, und das Bild ist nicht der einzige Grund:
Zeichnet man ein rechtwinkliges Dreieck mit den Katheten a und b, hat seine Hypotenuse nach dem Satz die Länge c.
Nach dem Kongruenzsatz SSS legen drei Seitenlängen ein Dreieck bis auf Kongruenz fest; ein Dreieck mit den Seiten
a, b und c ist also ebenfalls rechtwinklig. Darum bildet das Seil, zu 3 + 4 + 5 gespannt, einen rechten Winkel:
Der Test
Ob ein Dreieck mit gegebenen Seiten rechtwinklig ist, klärt ein Test: Die längste Seite ist die
mögliche Hypotenuse
Pythagoreische Tripel
Drei natürliche Zahlen mit
Leiter, Diagonale, Höhe
Die Leiter an der Wand
Bisher war das rechtwinklige Dreieck immer schon gezeichnet. In einer Sachaufgabe steht nur ein Gegenstand: Eine 5 m lange Leiter steht mit dem Fuß 1,5 m von der Wand. Wie hoch reicht sie? Bei Sachaufgaben zeichnet man deshalb zuerst eine Skizze und fragt: Wo steckt das rechtwinklige Dreieck, was ist gegeben, was gesucht? Im Bild stehen zunächst nur Wand, Boden und Leiter.
Wand und Boden bilden den rechten Winkel; die Leiter liegt ihm gegenüber und ist die
Die Diagonale im Rechteck
Eine Diagonale teilt ein Rechteck in zwei rechtwinklige Dreiecke. Sie ist die
Die Höhe im gleichschenkligen Dreieck
Im gleichschenkligen Dreieck steht die Höhe senkrecht auf der Basis und halbiert sie. So entstehen zwei
rechtwinklige Dreiecke: Die Katheten sind die halbe Basis
Abstand im Koordinatensystem
Im Koordinatensystem liegen
Die Katheten sind die Koordinatenunterschiede. Den Unterschied der x-Koordinaten schreibt man Δx (gesprochen „Delta x“), den der y-Koordinaten Δy:
Der Abstand ist die
Man setzt die Unterschiede ein, nicht die Koordinaten selbst. Bei negativen Koordinaten hilft die
Klammer:
Ein Sonderfall: Zieht man Q auf die Höhe y = 1, liegen P und Q auf einer waagerechten Linie. Dann ist
Die Raumdiagonale
Erst die Grundfläche
Ein Quader hat die Kanten
Dann die Raumdiagonale
Die Diagonale
Beim Würfel mit der Kante a sind alle drei Kanten gleich:
Die Raumdiagonale ist also rund 1,73-mal so lang wie die Kante. Weder
Rückblick
Seil, Leiter, Feld, gleichschenkliges Dreieck, zwei Punkte, Kiste: Jedes Mal hat dieselbe Frage die Rechnung gelöst. Wo ist der rechte Winkel? Die Seite gegenüber ist die Hypotenuse. Ihr Quadrat ist die Summe der beiden anderen Quadrate, also wird addiert, wenn sie gesucht ist, und subtrahiert, wenn eine Kathete gesucht ist. Die Wurzel kommt zum Schluss. Und das Dreieck 3, 4, 5 des Zimmermanns kam immer wieder vor: im Seil, in der Rechnung nach einer Kathete, im gleichschenkligen Dreieck und auf dem Boden des Quaders.
Ohne rechten Winkel gilt der Satz nicht, das hat das Bild mit dem Winkel γ bei der Umkehrung gezeigt. Es hat c² dort
mit einer allgemeineren Regel berechnet, dem Kosinussatz. Er gilt in jedem Dreieck und wird bei γ = 90° wieder zu