Quotientenregel und gebrochen-rationale Funktionen

25 Minuten · 8 Abschnitte

Wann ist die Konzentration am höchsten?

Nach der Einnahme eines Wirkstoffs steigt seine Konzentration im Blut zuerst und sinkt dann wieder, etwa nach (t in Stunden, c in mg/l). Wann ist sie am höchsten, und wie schnell wächst sie am Anfang? Dazu brauchen wir die Ableitung. Doch c ist weder Summe noch Produkt, sondern ein Bruch aus Zähler und Nenner, die beide von t abhängen. Wir lernen die Quotientenregel und untersuchen damit gebrochen-rationale Funktionen.

Ableitung des Kehrwerts

Der Kehrwert von x

Der Kehrwert von x ist . Die Potenzregel liefert . Ein Quadrat ist nie negativ, also ist die Steigung überall negativ: Der Graph fällt auf jedem seiner beiden Äste. Bei x = 1 beträgt die Steigung −1, bei x = 0,5 schon −4, denn dicht am Pol wird der Graph sehr steil. Der Kehrwert der Ableitung wäre 1/x′ = 1, also positiv, und das passt nicht zum Bild. Die Ableitung des Kehrwerts ist nicht der Kehrwert der Ableitung.

Bewege x₀: Wie ändert sich die Steigung der Tangente, wenn x₀ kleiner wird?

Der Kehrwert einer Funktion

Für eine Funktion v ist eine Verkettung: erst v, dann die äußere Funktion z ↦ 1/z. Die äußere Ableitung −1/z² wird mit der inneren Ableitung v′ multipliziert:

Beispiel: Für ist , also . Weil v² positiv ist, hat (1/v)′ das entgegengesetzte Vorzeichen von v′: Wo v steigt, fällt 1/v, und wo v fällt, steigt 1/v. Hat v mit v > 0 ein Minimum, so hat 1/v dort ein Maximum. Im Bild ist mit dem Scheitelwert 2, und 1/v erreicht dort ihr Maximum 1/2.

Ziehe x₀: Welches Vorzeichen hat die Steigung von 1/v, solange v steigt?

Die Quotientenregel

Der Quotient als Produkt

Ein Quotient lässt sich als Produkt schreiben: . Die Produktregel gibt , und für den Kehrwert kennen wir . Zusammengefasst auf den Hauptnenner v² entsteht die Quotientenregel:

Merkhilfe: Zähler abgeleitet mal Nenner, minus Zähler mal Nenner abgeleitet, durch den Nenner zum Quadrat. Am Beispiel sieht man die beiden Summanden aus der Herleitung: und .

Bewege x₀ und vergleiche die Summe der beiden Summanden mit der Steigung der Tangente.

Die Regel im Beispiel

Für ist , , , . Einsetzen gibt . Drei Dinge zählen. Erst kommt u′·v, dann wird u·v′ abgezogen; in umgekehrter Reihenfolge dreht sich das Vorzeichen. Im Nenner steht v², nicht v. Und das Ergebnis ist nicht der Quotient der Ableitungen: u′/v′ = 1/1 = 1 wäre positiv, doch f fällt auf beiden Ästen. Ein Gegenbeispiel: x³/x = x² hat die Ableitung 2x, der Quotient der Ableitungen aber wäre 3x². Zur Kontrolle: Der Differenzenquotient über [3,9; 4,1] ist und passt zu .

Ziehe x₀: Der Zähler bleibt −6, der Nenner (x − 2)² ist nie negativ. Was folgt für das Vorzeichen der Steigung?

Quotientenregel anwenden

Vier Schritte führen sicher zum Ergebnis, hier für .

1. Bausteine notieren. u = x − 3 mit und v = x² + 1 mit .

2. Mit Klammern einsetzen.

3. Den Zähler zusammenfassen. Das Minus gilt für das ganze Produkt: , also .

4. Den Nenner als Quadrat lassen.

Der Nenner bleibt ungeöffnet: An (x² + 1)² sieht man sofort, dass er nie null wird, ausmultipliziert als x⁴ + 2x² + 1 ginge das verloren. Gekürzt wird nur ein gemeinsamer Faktor, nie ein Summand: Das x² im Zähler gegen das x² im Nenner zu streichen, ist falsch.

Eine schnelle Probe: Bei x = 0 gilt , und die Tangente an f im Punkt (0 | −3) steigt tatsächlich mit der Steigung 1. Ein Vorzeichenfehler im Zähler fällt beim Vergleich mit dem Bild meist sofort auf.

Bewege x₀ und vergleiche die Steigung von f in P mit dem Wert der Ableitungsfunktion in Q.

Regel oder Umformen

Konstanter Nenner und Aufspalten

Steht im Nenner nur eine Zahl, ist der Bruch ein konstanter Faktor: hat die Ableitung . Steht im Nenner ein einzelner Term wie x, lässt sich der Bruch aufspalten: , also . Die Quotientenregel gibt dasselbe: , nur mit mehr Rechnung. Vorsicht: (x² + 5)/x ist nicht x + 5. Jeder Summand im Zähler wird durch x geteilt.

Bewege x₀: Die Summe aus dem Punkt der Geraden y = x und dem Punkt von 5/x ist der Punkt der Kurve f.

Erst kürzen

Haben Zähler und Nenner einen gemeinsamen Faktor, wird zuerst gekürzt: für x ≠ 3. Die Ableitung ist 1, der Graph eine Gerade mit einer Lücke bei x = 3. Die Quotientenregel führt zum selben Ergebnis, denn , aber der Umweg kostet Zeit und Fehlerquellen. Gekürzt werden dürfen nur Faktoren, nie Summanden: Als Faustregel schaut man zuerst auf den Nenner: eine Zahl (Faktorregel), ein einzelner Term (aufspalten), ein Faktor, der auch im Zähler steckt (kürzen). Bleibt nichts davon, gilt die Quotientenregel.

Ziehe x₀ über die Lücke (orange) hinweg: Welche Steigung hat die Tangente überall?

Extremstellen bestimmen

Der Zähler entscheidet

Für ist mit . Der Nenner v² ist nie negativ und außerhalb der Polstellen nie null, also entscheidet allein der Zähler Z: f′ = 0 genau dort, wo Z = 0 ist, und f′ hat das Vorzeichen von Z. Beispiel : Es ist , also . Aus Z = 0 folgt x = ±2. Für −2 < x < 2 ist Z positiv, dort steigt f, sonst fällt f. Bei x = −2 wechselt f′ von − nach +: Tiefpunkt. Bei x = 2 wechselt f′ von + nach −: Hochpunkt. Die y-Koordinate liefert f, nicht f′: . Die Konzentration aus der Einleitung ist : Sie ist nach 2 Stunden am höchsten (2 mg/l) und wächst am Anfang mit mg/l pro Stunde.

Bewege x₀ durch H und T: Was passiert mit der Steigung und mit ihrem Vorzeichen?

Polstellen sind keine Extrema

Bei ist , und das ist überall positiv, wo p definiert ist. p steigt also auf jedem der beiden Äste, aber nicht als Ganzes: Es gilt p(−1) = 0 = p(1). Die Polstelle x = 0 gehört nicht zum Definitionsmenge, dort gibt es keinen Funktionswert. Die Monotonie wird deshalb an Polstellen in Intervalle zerlegt. Ein Extrempunkt hat immer einen endlichen y-Wert; ein Graph, der bei einem Pol nach ∞ läuft, hat dort keinen Hochpunkt. Ein Vorzeichenwechsel von f′ an einer Polstelle ändert daran nichts.

Ziehe x₀ von links und von rechts an die Polstelle: Wohin laufen der Graph und die Steigung?

Wendestellen und Krümmung

Die zweite Ableitung

Die zweite Ableitung ist die Ableitung von , also wieder ein Quotient. Die Quotientenregel gibt , und ein Faktor v lässt sich kürzen. Beispiel : Es ist und . Das Vorzeichen von r″ zeigt die Krümmung, nicht die Steigung: Bei r″ > 0 liegt eine Linkskrümmung vor, die Steigung wächst; bei r″ < 0 eine Rechtskrümmung. Hier ist r″ > 0 für x > −2.

Bewege x₀ rechts und links der Polstelle: Wie hängen das Vorzeichen von r″ und die Krümmung zusammen?

Wendestellen finden

Eine Wendestelle braucht f″ = 0 mit Vorzeichenwechsel von f″. Beispiel : Es ist und . Der Zähler hat die Nullstellen x = 0, x = 3 und x = −3, und an allen drei Stellen wechselt er das Vorzeichen: drei Wendestellen. Zwei Warnungen. Bei r″ = 8/(x + 2)³ wechselt das Vorzeichen bei x = −2, aber das ist die Polstelle und liegt nicht im Definitionsmenge: keine Wendestelle. Und f″ = 0 ohne Vorzeichenwechsel genügt nicht.

Bewege x₀ durch die Punkte W: Wo geht die Tangente durch den Graphen hindurch, und was macht das Vorzeichen von s″?

Numerische Nullstellen von f′

Wenn Umformen nicht hilft

Für mit x > 0 ist . Die Gleichung lässt sich nicht nach x auflösen, weil x zugleich als Faktor und im Argument von sin und cos steht. Für cos x ≠ 0 bedeutet sie tan x = −1/x; der Schnittpunkt der beiden Kurven zeigt, wo ungefähr die Lösung liegt. Genauer geht es mit dem Vorzeichen des Zählers h: Es ist positiv und negativ. Weil h stetig ist und das Vorzeichen wechselt, liegt zwischen 2 und 3 eine Nullstelle. Bei gleichen Vorzeichen an den Rändern wüsste man nichts.

Bewege x₀ und beobachte h(x₀): Bei welchem x₀ wechselt der Wert das Vorzeichen?

Intervalle halbieren

Beim Halbieren berechnet man die Mitte m und behält die Hälfte, an deren Rändern h verschiedene Vorzeichen hat. Start [2; 3]: ist positiv, die Nullstelle liegt in [2,5; 3]. Dann , also in [2,75; 3]. Dann , also in [2,75; 2,875]. Nach drei Schritten ist das Intervall 0,125 lang, und jeder weitere Schritt halbiert es. Es folgt x ≈ 2,8. Dort ist h = 0, und wegen g′ = −h/x² wechselt g′ von − nach +: ein Tiefpunkt. Wichtig: den Taschenrechner auf Bogenmaß (RAD) stellen.

Liniendiagramm des Zählers h(x) = x·sin x + cos x für x von 1 bis 4; die Kurve schneidet die Linie y = 0 zwischen 2 und 3 −4 −2 0 2 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4 h(x) x y = 0
Der Zähler h(x) = x·sin x + cos x: Er wechselt zwischen 2 und 3 das Vorzeichen.

Verknüpfungen untersuchen

Der Tangens

tan x = sin x / cos x ist ein Quotient. Mit u = sin x, v = cos x, u′ = cos x und v′ = −sin x folgt Bei v′ = −sin x gilt Minus mal Minus gleich Plus. Der Bruch ist überall positiv: tan steigt auf jedem Ast, an der Stelle 0 mit der Steigung 1.

Bewege x₀: Steigung der Tangente und 1/cos² x₀ stimmen überein. Was passiert bei x₀ nahe π/2?

Der Quotient eˣ/x

Bei ist u = eˣ und v = x, also . Da eˣ nie null wird, entscheidet x − 1: Für 0 < x < 1 fällt f, für x > 1 steigt f. Bei x = 1 liegt ein Tiefpunkt mit , bei x = 0 eine Polstelle.

Liniendiagramm von f(x) = eˣ/x für x von 0,25 bis 3: fällt bis x = 1 und steigt danach 0 1 2 3 4 5 6 7 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 f(x) x
f(x) = eˣ/x für x > 0: fällt bis x = 1 und steigt danach.

Die logistische Funktion

Die Funktion beschreibt begrenztes Wachstum. Die Quotientenregel gibt , überall positiv: f steigt streng. Wegen 0 < eˣ < 1 + eˣ gilt 0 < f < 1. Für die zweite Ableitung ergibt sich : null bei x = 0, mit Vorzeichenwechsel von + nach −. Der Wendepunkt (0 | 0,5) ist die Stelle des stärksten Wachstums.

Liniendiagramm von f(x) = eˣ/(1 + eˣ) für x von −5 bis 5: S-Kurve zwischen 0 und 1 mit der gestrichelten Linie y = 1 0 0,2 0,4 0,6 0,8 1 1,2 −5 −4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 5 f(x) x y = 1
f(x) = eˣ/(1 + eˣ): S-Kurve zwischen 0 und 1 mit der gestrichelten Grenze y = 1.
Weiter: Umkehrfunktion und Wurzelfunktion

Konzepte

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