Ein Riesenrad mit 20 m Radius dreht sich in zehn Minuten einmal um seine Nabe in 22 m Höhe. Eine Gondel startet ganz unten. Wie hoch ist sie nach drei Minuten, und wann erreicht sie zum ersten Mal 30 m? Die Antwort beginnt am Einheitskreis: Wir messen den Winkel als Bogenlänge, lesen Sinus und Kosinus als Koordinaten ab, rollen den Kreis zu einer Welle aus und bauen aus vier Zahlen den Term, der das Riesenrad beschreibt.
Die 360 Grad sind eine Einteilung, die sich Menschen einmal ausgedacht haben. Es geht auch ohne: Wir
legen um den Scheitel des Winkels einen Kreis mit Radius 1, den Einheitskreis, und
messen, wie lang der Kreisbogen ist, den der Winkel aus ihm herausschneidet. Diese Länge heißt
Bogenmaßx des Winkels. Der Einheitskreis hat
den Umfang 2π≈6,28. Deshalb hat der Vollwinkel das Bogenmaß
2π, der gestreckte Winkel π und der
rechte Winkel 2π. Weil das Bogenmaß eine Länge ist, ist es
eine gewöhnliche Zahl, ganz ohne Gradzeichen.
Ziehe x auf 3,14 und dann auf 6,28. Welcher Bruchteil des Kreises ist das jeweils, und wie lang ist der abgerollte Bogen im Vergleich zum Radius?
Ein Radiant
Ein Bogen der Länge 1 ist genau so lang wie der Radius. Der
zugehörige Winkel heißt ein Radiant (1 rad). Weil zum Vollwinkel 360° der Bogen 2π gehört, misst 1 rad genau 360° : 2π ≈ 57,3°. Auf jedem Kreis
gehört zu demselben Winkel dasselbe Verhältnis aus Bogen b und Radius r:
x=rb. Auf einem Kreis mit r = 3 cm gehört zu einem Bogen von
6 cm also der Winkel x=6:3=2. Die Einheit rad lässt man meist weg: „x = 2“
meint 2 rad, nicht 2°. Das Bogenmaß hat also den Vorteil, dass Winkel und Länge dieselbe Art Zahl sind, und genau
darum kann man später jede reelle Zahl als Winkel lesen.
Verändere den Radius r. Was bleibt gleich, wenn der Kreis größer wird: der Bogen, der Winkel oder das Verhältnis b : r?
Der Vollwinkel hat 360° und das Bogenmaß 2π, der gestreckte Winkel 180° und π. Beide Maße wachsen im
gleichen Verhältnis: 360°α=2πx.
Daraus folgen zwei Umrechnungen. Von Grad ins Bogenmaß:x=α⋅180°π, zum Beispiel
60°⋅180°π=3π≈1,05. Vom Bogenmaß
in Grad:α=x⋅π180°, zum
Beispiel 2⋅π180°≈114,6°. Vier Winkel merkt man sich
am besten als Brüche von π: 30° = π/6, 45° = π/4, 60° = π/3 und 90° = π/2. Sie sind Bruchteile des
Vollwinkels: 30° ist ein Zwölftel davon, also 2π : 12 = π/6. Aus ihnen bekommt man weitere Winkel ohne
Rechner, zum Beispiel 135° = 3 · 45° = 3π/4. Dabei lässt man π als Symbol stehen und rechnet nur mit dem Bruch.
Der Taschenrechner kennt beide Maße und fragt über den Modus: DEG liest die Eingabe als
Grad, RAD als Bogenmaß. Dieselbe Eingabe sin30 liefert im
DEG-Modus 0,5, im RAD-Modus aber −0,99, denn dort sind es 30 Radiant, knapp fünf Umläufe.
Stelle 30°, 60° und 90° ein und lies x : π ab. Bei welchen Winkeln ist x : π ein einfacher Bruch?
Trage vom Punkt (1 | 0) aus den Bogen x gegen den Uhrzeigersinn ab.
Der Endpunkt P hat die Koordinaten
(cosx∣sinx): die x-Koordinate ist
cos x, die y-Koordinate sin x.
Das gilt für jede Zahl x, nicht nur für Winkel im Dreieck. Das Vorzeichen liest man aus dem Quadranten: im
ersten (0 < x < π/2) sind beide positiv, im zweiten (π/2 < x < π) ist nur sin positiv, im
dritten (π < x < 3π/2) sind beide negativ, im vierten ist nur cos positiv. Bei x = 2,4 liegt P im
zweiten Quadranten: cos 2,4 ≈ −0,74 und sin 2,4 ≈ 0,68.
Ziehe x durch alle vier Quadranten. Wann ist sin x negativ, wann cos x?
Zurückführen auf einen Umlauf
Nach einem vollen Umlauf steht P wieder am selben Ort: sin(x+2π)=sinx und
cos(x+2π)=cosx. Für x = 7 zieht man einmal 2π ab, 7 − 2π ≈ 0,72, und
erhält sin 7 = sin 0,72 ≈ 0,66. Abgezogen wird 2π, nicht 360. Negative Zahlen laufen im
Uhrzeigersinn: −x liegt spiegelbildlich zu x an der x-Achse, deshalb
cos(−x)=cosx und sin(−x)=−sinx.
Stelle x = 7 ein und dann x = 7 − 2π ≈ 0,72. Was fällt an P auf?
Zwei Winkel, ein Wert
Fragt man umgekehrt nach x mit sinx=0,56, gibt es zwischen 0 und 2π zwei
Lösungen: Auf einer waagerechten Höhe liegen zwei Punkte des Kreises, spiegelbildlich zur
y-Achse. Zu x gehört also auch π−x. Für einen Kosinuswert liegen die zwei
Punkte spiegelbildlich zur x-Achse: x und 2π−x. Der Taschenrechner (RAD) nennt
nur die erste Lösung, die zweite ergänzt man selbst.
Verändere x. Was haben die beiden Punkte gemeinsam, und wie hängen ihre Winkel zusammen?
Wir tragen jeden Bogen x als Strecke auf der x-Achse ab und
zeichnen darüber die Höhe des Kreispunkts P: den Punkt Q(x∣sinx). Läuft P
einmal um den Kreis, zeichnet Q eine Welle, den Graphen der Sinusfunktionf(x)=sinx. Nach dem Bogen 2π ist P wieder am Start und alles beginnt
von vorn: Die Funktion hat die Periode 2π, und ihre Werte liegen immer zwischen −1 und 1.
Die Nullstellen sind x=kπ mit ganzzahligem k, der Hochpunkt bei π/2 hat den Wert 1,
der Tiefpunkt bei 3π/2 den Wert −1.
Ziehe x von 0 bis 6,28. Wo liegt Q, wenn P ganz oben, ganz links und ganz unten ist?
Sinus und Kosinus im Vergleich
Der Kosinus nimmt die x-Koordinate von P. Sein Graph beginnt deshalb bei cos0=1,
hat aber denselben Verlauf wie der Sinus: cosx=sin(x+2π).
Der Kosinusgraph ist der um π/2 nach links verschobene Sinusgraph, denn der Sinus erreicht
seinen Hochpunkt π/2 später als der Kosinus. Aus den Regeln des vorigen Abschnitts folgt noch eine Symmetrie: Wegen
sin(−x)=−sinx liegt der Sinusgraph punktsymmetrisch zum Ursprung, wegen
cos(−x)=cosx der Kosinusgraph achsensymmetrisch zur y-Achse.
Schiebe die violette Kopie des Sinus (rot gestrichelt) mit s nach links. Bei welchem s liegt sie auf dem Kosinus (blau)?
Ein Faktor a in
f(x)=a⋅sinx streckt den Graphen in y-Richtung: Alle Höhen
werden mit a multipliziert. Die Amplitude ist ∣a∣, der Abstand vom
Hochpunkt zur x-Achse, um die die Welle schwingt, nicht die ganze Höhe von Tief- zu Hochpunkt. Bei 3sinx
liegen die Werte zwischen −3 und 3; die Periode bleibt 2π. Ist a negativ, wird der Graph an der x-Achse
gespiegelt, und die Amplitude ist dann der Betrag |a|, denn ein Abstand ist nie negativ: −2sinx beginnt nicht mit einem Anstieg, sondern mit einem Abstieg.
Ändere a, auch ins Negative. Was bleibt gleich, was ändert sich?
Die Mittellinie d
Ein Summand d in
f(x)=asinx+d verschiebt den ganzen Graphen um d nach oben, bei
negativem d nach unten. Die Wellen schwingen jetzt um die Mittelliniey=d. Hochpunkt und Tiefpunkt liegen bei d+∣a∣ und
d−∣a∣. Bei 1,5sinx+1 laufen die Werte von −0,5 bis 2,5, und die
Amplitude ist weiterhin 1,5: d ändert die Lage der Welle, nicht ihre Höhe. Der Wertebereich ist das Intervall von d − |a| bis d + |a|.
Ändere d und a. Welche Größe bestimmt die Mitte der Welle, welche ihre Höhe?
In f(x)=sin(b⋅x) läuft das Argument b·x doppelt so schnell durch
die Werte von 0 bis 2π, wenn b = 2 ist. Die volle Welle ist zu Ende, sobald b·x den Wert 2π erreicht, also bei
x=b2π. Die Periode ist
p=b2π. Bei b = 2 ist p = π, bei b = 0,5 ist p = 4π.
Ein größeres b heißt eine kürzere Periode: Die Welle wird gestaucht. Ist b kleiner als 1, wird sie gestreckt.
Ändere b und beobachte den Punkt p. Was passiert mit der Welle, wenn b kleiner als 1 ist?
Die Verschiebung c
In f(x)=sin(b(x+c)) verschiebt c den Graphen um |c|: für c > 0 nach
links, für c < 0 nach rechts. Der Grund: Die Klammer ist null bei x = −c, dort steigt die
Welle durch die Mittellinie. Bei sin(x+1) liegt diese Stelle bei x = −1, also eine
Einheit links vom Ursprung. Steht die Zahl nicht in einer Klammer, klammert man zuerst b aus:
sin(2x+π)=sin(2(x+2π)) verschiebt um π/2, nicht um π.
Ändere c. Auf welcher Seite des Ursprungs liegt Z, wenn c positiv ist?
Um zu einem Graphen den Term asin(b(x+c))+d zu finden, liest man zuerst die
Extremwerte ab. Der Hochpunkt liegt bei y = Max, der Tiefpunkt bei y = Min. Dann ist die
Amplitude die halbe Schwankung und die
Mittellinie der Mittelwert:
a=2Max−Min und
d=2Max+Min. Im Bild ist Max = 4 und
Min = −2, also a = 3 und d = 1. Die Zahl a ist nicht der größte Wert, denn der enthält schon d.
Lies Hochpunkt H und Tiefpunkt T ab. Wo liegt die Mitte zwischen ihnen?
b und c ablesen
Die Periode p ist der Abstand zweier benachbarter Hochpunkte,
hier von H bei π/2 bis H′ bei 3π/2, also p = π. Daraus folgt
b=p2π=2. Für die
Verschiebung sucht man eine Stelle, an der die Welle auf der
Mittellinie ansteigt: Z bei π/4. Dort ist die Klammer null, also −c=4π
und c=−4π. Der Term ist f(x)=3sin(2(x−4π))+1.
Probe: f(2π)=3sin2π+1=4, das ist der Hochpunkt. Solche Proben an einem abgelesenen Punkt fangen Vorzeichenfehler bei c sofort ab.
Stelle a, b, c und d so ein, dass die farbige Kurve die gestrichelte deckt. Beginne mit d und a.
Aus dem Text des Riesenrads liest man die vier Zahlen ab. Der Radius 20 m ist die
Amplitude a = 20, die Nabe in 22 m Höhe die
Mittellinie d = 22. Eine Umdrehung in T = 10 min ist die
Periode, also b=102π=5π.
Bei t = 0 steht die Gondel unten, dort hat die Welle ihren Tiefpunkt; sie steigt durch die Mittellinie zum
ersten Mal bei t = 2,5, also c=−2,5. Das Modell lautet
h(t)=20sin(5π(t−2,5))+22. Probe: h(0) = 2 m. Nach drei Minuten
ist h(3)≈28,2 m. Der Rechner muss dabei im RAD-Modus stehen.
Zeit t in Minuten, Höhe h in Metern. Verändere T: Wo liegt die Gondel bei t = 0, wenn T = 8 min ist?
Wann ist die Gondel auf 30 m?
Aus h(t)=30 folgt sin(5π(t−2,5))=0,4.
Der Rechner liefert sin−1(0,4)≈0,41, also
t−2,5=0,41⋅π5≈0,65 und t≈3,15 min.
Die zweite Lösung des Sinus ist π−0,41≈2,73, das gibt
t≈6,85 min: Auf dem Weg nach oben und auf dem Weg nach unten ist die Gondel einmal auf
30 m. Nach 10 min wiederholt sich alles, bei 13,15 min und 16,85 min.
Die orange Linie ist h = 30 m. Wie viele Lösungen hat die Gleichung in den ersten 20 Minuten?