Der Einheitskreis — Sinus und Kosinus für alle Winkel

22 Minuten · 8 Abschnitte

Was bedeutet sin 210°?

Im rechtwinkligen Dreieck ist der Sinus Gegenkathete durch Hypotenuse. Das geht nur, solange der Winkel spitz ist.

Zieh α über 90° hinaus: Liegt der Winkel α dann noch im Dreieck?

Wird α größer als 90°, klappt das Dreieck um, und ein Dreieck mit einem Winkel von 210° gibt es gar nicht. Der Taschenrechner zeigt für sin 210° trotzdem eine Zahl an, . Wovon ist sie die Gegenkathete?

Ein Punkt auf dem Einheitskreis

Der Einheitskreis ist ein Kreis mit Radius 1, dessen Mittelpunkt im Koordinatenursprung liegt.

Jeder Punkt auf diesem Kreis hat vom Ursprung den Abstand 1. Dieser Abstand ist die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks mit den Katheten und — nach dem Satz des Pythagoras heißt das:

Umgekehrt liegt jeder Punkt, der diese Gleichung erfüllt, auf dem Kreis. liegt darauf, denn .

Ein Punkt P bewegt sich auf diesem Kreis. Seine Position wird durch den Winkel α bestimmt, den die Strecke vom Ursprung O zum Punkt P mit der positiven x-Achse einschließt. Der Winkel wird gegen den Uhrzeigersinn gemessen — also in mathematisch positiver Richtung.

Dreh α, bis P ganz oben liegt: Welcher Winkel ist das, und welche Koordinaten zeigen die Anzeigen? Wo liegt P bei 180° und bei 270°?

Ganz oben liegt P bei 90°, auf ; für jeden anderen Winkel zeigen die Anzeigen x und y seine Koordinaten.

Sinus und Kosinus als Koordinaten

Im rechtwinkligen Dreieck war Sinus Gegenkathete durch Hypotenuse und Kosinus Ankathete durch Hypotenuse. Die Figur zeichnet so ein Dreieck in den Einheitskreis: Die Hypotenuse ist die Strecke mit der Länge 1, die Ankathete liegt auf der x-Achse, die Gegenkathete führt senkrecht hinauf zu P.

Mit der Hypotenuse 1 fällt das Teilen weg: , und die Gegenkathete ist genau so lang, wie P hoch liegt. Genauso ist cos α die waagerechte Kathete, so lang, wie P rechts vom Ursprung liegt.

Vergleiche die Anzeigen sin α und cos α mit den Katheten. Zieh α dann auf 120° — welcher Winkel steckt jetzt im Dreieck bei O, und in welche Richtung zeigt seine waagerechte Kathete?

Bei 120° gibt es das Dreieck noch, aber es passt nicht mehr: Sein Winkel bei O ist 60°, nicht 120°, und seine waagerechte Kathete zeigt nach links. Eine Seitenlänge ist nie negativ — die x-Koordinate von P, , schon. Die Koordinaten von P gibt es für jeden Winkel. Deshalb erweitert man die Definition:

  • cos α ist die x-Koordinate von P.
  • sin α ist die y-Koordinate von P.

Zwischen 0° und 90° liefert das genau die Werte vom Dreieck; darüber hinaus ist es die neue Definition, also . In der Figur ist die blaue Kathete cos α, die rote sin α: P liegt bei .

Verlängert man die Gerade vom Ursprung durch bis zur senkrechten Tangente an den Einheitskreis bei , so entsteht ein zweites, ähnliches rechtwinkliges Dreieck mit Kathete auf der x-Achse. Seine andere Kathete hat die Länge tan α: Gegenkathete durch Ankathete, bei 1 als Ankathete wieder ohne Teilen.

Vorzeichen in den Quadranten

Bei 120° lag P links der y-Achse: , aber . Die beiden Achsen teilen den Einheitskreis in vier Viertel, die Quadranten, nummeriert gegen den Uhrzeigersinn: I rechts oben, II links oben, III links unten, IV rechts unten.

Bewege α durch alle vier Quadranten: Wo kippt das Vorzeichen von cos α, wo das von sin α? Notiere für jeden Quadranten beide Vorzeichen.

Weil die x-Koordinate und die y-Koordinate ist, entscheidet allein die Lage von P: Rechts der y-Achse ist positiv, oberhalb der x-Achse . Was du an den Anzeigen abgelesen hast, steht in dieser Tabelle:

Quadrant Winkelbereich
I
II
III
IV

Die Eselsbrücke: Im I. Quadranten ist alles positiv. Dann wandert man gegen den Uhrzeigersinn — zuerst wird negativ (II.), dann auch (III.), und schließlich wird wieder positiv (IV.).

Besondere Winkelwerte

Die Vorzeichen in jedem Quadranten stehen jetzt fest, die Zahlen nur auf zwei Nachkommastellen, so wie die Anzeigen sie zeigen. Für die Winkel , , , und lassen sich und exakt angeben. Sie stammen aus zwei besonderen Dreiecken mit Hypotenuse 1, und du solltest sie auswendig kennen.

Links das halbe gleichseitige Dreieck (30°, 60°), rechts das halbe Quadrat (45°, 45°), beide mit Hypotenuse 1. Schalte auf „ergänzt“: Warum ist die kurze Kathete links genau ½ lang?

Die beiden Dreiecke haben die Hypotenuse — den Radius des Einheitskreises —, also sind ihre Katheten direkt cos α (waagerecht) und sin α (senkrecht). Das halbe gleichseitige Dreieck: Das ganze gleichseitige Dreieck hat drei Seiten der Länge 1 und drei Winkel von 60°; halbiert man es, ist die kurze Kathete die halbe Seite, , und nach Pythagoras die lange (die Quadratwurzel eines Bruchs zieht man aus Zähler und Nenner einzeln). Das gleichschenklig-rechtwinklige Dreieck (die halbe Fläche eines Quadrats mit der Diagonale 1) hat zwei gleiche Katheten mit , also und .

Übersicht der besonderen Werte

Eselsbrücke: Die Sinuswerte von bis folgen dem Muster für . Die Kosinuswerte laufen genau in umgekehrter Reihenfolge.

Bewege α in Schritten von 15°: Welche Anzeigen zeigen bei 30°, 45° und 60° die Werte der Tabelle (≈ 0,87, 0,71, 0,50)?

Warum läuft Kosinus rückwärts? —

Vergleiche in der Tabelle die Spalten für und : Die Kosinuswerte sind die Sinuswerte von unten nach oben gelesen — also die Sinuswerte zum Komplementärwinkel . Das ist dieselbe Regel wie im rechtwinkligen Dreieck: Die Ankathete von α ist die Gegenkathete des anderen spitzen Winkels .

Bewege α: liegt beim Komplementärwinkel und wandert mit. Welche Kathete des einen Dreiecks ist so lang wie welche des anderen?

Die senkrechte Kathete bei ist so lang wie die waagerechte bei , nur gedreht. Deshalb sind und gleich groß, und die ganze Kosinusspalte ist die umgekehrte Sinusspalte.

Stumpfe und überstumpfe Winkel

Die Quadranten liefern für 120° nur das Vorzeichen, die Tabelle die exakten Werte nur bis 90°. Die Brücke dazwischen ist die Symmetrie des Einheitskreises: Man spiegelt P so, dass der Spiegelpunkt im I. Quadranten landet. Der Spiegelpunkt liegt wieder auf dem Einheitskreis, also gehört zu ihm ein eigener Winkel, und seine Koordinaten sind direkt und dieses neuen Winkels.

Spiegelung an der y-Achse —

Spiegelt man den Punkt an der y-Achse, bleibt die y-Koordinate gleich, die x-Koordinate kehrt das Vorzeichen um. Der zugehörige Winkel ist :

Bewege α: P' ist die Spiegelung von P an der y-Achse, sein Winkel 180° − α. Welcher Chip bleibt gleich, welcher kippt?

Punktspiegelung am Ursprung —

Spiegelt man den Punkt am Ursprung, kehren beide Koordinaten das Vorzeichen um. Der zugehörige Winkel ist :

Bewege α: P' ist der am Ursprung gespiegelte Punkt, sein Winkel 180° + α. Welche Koordinaten wechseln jetzt das Vorzeichen?

Spiegelung an der x-Achse —

Spiegelt man den Punkt an der x-Achse, bleibt die x-Koordinate gleich, die y-Koordinate kehrt das Vorzeichen um. Der zugehörige Winkel ist : eine volle Umdrehung, aber um zu kurz — P' liegt genau so weit unter der x-Achse wie P darüber.

Bewege α: P' ist die Spiegelung von P an der x-Achse, sein Winkel 360° − α (die lange Spirale). Welcher Chip bleibt gleich, welcher kippt?

Der Taschenrechner kennt nur einen Winkel

Rückwärts — vom Sinuswert zum Winkel — hilft die Spiegelung an der y-Achse. Die Taste gibt immer nur einen Winkel aus, und zwar einen zwischen und : . Derselbe Sinus gehört aber auch zu — dem Punkt gleicher Höhe auf der anderen Seite der y-Achse. Den zweiten Winkel rechnest du selbst aus.

Zieh α₁: Die gestrichelte Gerade gleicher Höhe schneidet den Kreis zweimal, α₁ zeigt der Taschenrechner, α₂ = 180° − α₁ nicht. Wo liegen die beiden Punkte, wenn α₁ unter 0° fällt?

Negative Winkel und Periodizität

Negative Winkel — Spiegelung an der x-Achse

Alle Winkel bisher lagen zwischen 0° und 360°, gedreht gegen den Uhrzeigersinn. Zum Spiegelpunkt an der x-Achse, beim Winkel , braucht man so fast eine volle Umdrehung. Kürzer geht es andersherum: im Uhrzeigersinn um α. Drehungen im Uhrzeigersinn zählen als negative Winkel. Der Punkt zu ist also der an der x-Achse gespiegelte Punkt: Die x-Koordinate bleibt gleich, die y-Koordinate wechselt das Vorzeichen.

Periodizität — alle kehrt alles wieder

Die Winkel und treffen denselben Punkt, weil sie sich um eine volle Umdrehung unterscheiden. Nach einer vollen Umdrehung ist man immer wieder am selben Punkt. Die Koordinaten von P wiederholen sich — und damit auch die Werte von und :

Winkel, die sich um ganzzahlige Vielfache von unterscheiden, liefern also dieselben Kosinus- und Sinuswerte. Solche Winkel heißen koterminal: und zeigen auf denselben Punkt.

Stelle α auf und dann auf 315°: Zeigen die Chips cos α und sin α dasselbe? Wo liegt P bei 30°, 390° und ?

Der trigonometrische Pythagoras

Spiegeln und negative Winkel kippen die Vorzeichen von cos α und sin α. Im rechtwinkligen Dreieck hast du aus dem Satz des Pythagoras bekommen — für spitze Winkel, mit lauter positiven Seiten. Gilt die Gleichung auch mit negativen Koordinaten? Am Einheitskreis ist die Strecke die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks. Diese Hypotenuse hat die Länge (der Radius). Die Katheten sind und .

Der Satz des Pythagoras liefert:

Schreibweise: Wie im Dreieck ist die Kurzform für — also „der Kosinus von α, quadriert“. Genauso . Die hochgestellte gehört zum Wert, nicht zum Winkel.

Verändere α mit dem Schieberegler. Zieh α über 90° hinaus: Bleibt die Anzeige sin²α + cos²α bei 1?

Bei 120° ist , die waagerechte Kathete ist aber 0,5 lang — eine Länge ist nie negativ. Im Quadrat macht das keinen Unterschied: . Mit ergibt sich , und die Anzeige bleibt bei 1, wohin du α auch ziehst. Diese Gleichung heißt trigonometrischer Pythagoras und gilt für alle Winkel — nicht nur für spitze Winkel.

Den Tangens liefert diese Gleichung nicht — er kommt wieder aus dem Dreieck: Gegenkathete durch Ankathete ist durch . Am Einheitskreis gilt deshalb für jeden Winkel

Das ist die Länge des Abschnitts auf der Tangente bei , denn die beiden Dreiecke sind ähnlich. Bei 90° und 270° ist ; die Gerade läuft dann parallel zur Tangente, und einen Tangens gibt es dort nicht.

Alles zusammen am Einheitskreis

Für braucht man alle Werkzeuge zusammen, in einer festen Reihenfolge — ein Verfahren, das für jeden Winkel funktioniert. Auswendig können musst du dafür nur die fünf Sonderwerte.

  1. Quadranten bestimmen. Wo landet der Punkt , wenn du von der positiven x-Achse aus drehst?
  2. Vorzeichen ablesen. cos α ist die x-Koordinate, sin α die y-Koordinate — das Vorzeichen steht damit schon fest, bevor du eine Zahl kennst.
  3. Auf den Referenzwinkel reduzieren. Das ist der spitze Winkel zwischen und der x-Achse — nie der zur y-Achse: Bei 210° sind es 30°, nicht 60°. In der Figur unten steht er im Chip .
  4. Sonderwert einsetzen. Exakt geht das, wenn der Referenzwinkel , oder ist; sonst liefert der Taschenrechner den Wert.
  5. Probe. muss aufgehen.

Durchlauf: . liegt zwischen und — III. Quadrant. Dort sind x-Koordinate und y-Koordinate beide negativ, also sind und negativ. Der Referenzwinkel ist . Mit und :

Probe:

Stimmen bei Quadrant, Vorzeichen und mit dem Durchlauf überein? Zieh α dann bis — welcher Referenzwinkel steht jetzt da?

Die Zahl hat jetzt einen Ort: Sie ist die y-Koordinate von P bei 210°, einen halben Radius unter der x-Achse. Das Verfahren rechnet in Grad und liest Sinus und Kosinus als Koordinaten eines Punkts. Später misst man Winkel im Bogenmaß und zeichnet sin α und cos α als Graphen über α.

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