Quadratwurzeln und reelle Zahlen

24 Minuten · 8 Abschnitte

Wie lang ist die Seite eines Quadrats mit 2 m²?

Ein Gärtner soll ein quadratisches Beet mit genau 2 m² Fläche einfassen. Wie lang muss jede Seite sein? Der Taschenrechner zeigt 1,414213562 – und die Ziffern hören nie auf. Kein Zollstock zeigt sie genau. Ist das überhaupt eine Zahl, die man aufschreiben kann? Wir bauen die Wurzel aus der Fläche auf, schätzen sie ein, beweisen, dass √2 kein Bruch ist, und lernen, sicher mit Wurzeln zu rechnen.

Wurzel als Quadratseite

Ein Quadrat hat den Flächeninhalt A. Wie lang ist seine Seite s? Gesucht ist die Zahl, die mit sich selbst multipliziert A ergibt. Sie heißt Quadratwurzel von A:

Die Zahl unter dem Wurzelzeichen heißt Radikand. Bei A = 49 m² ist , denn 7 · 7 = 49. Die Hälfte, 24,5 m, wäre falsch: Ein Quadrat mit dieser Seite hätte über 600 m².

Quadrieren und Wurzelziehen heben sich auf. Aus 5 wird beim Quadrieren 25, und die Wurzel aus 25 führt zurück zu 5. Deshalb ist und .

Die Wurzel ist nicht negativ. Zwar gilt auch (−7)² = 49, aber meint nur die nichtnegative Zahl, also 7. Einen negativen Radikanden gibt es nicht, denn kein Quadrat ist negativ; nur ist erlaubt.

Stelle A mit dem Regler ein, zum Beispiel A = 2. Welche Seite s passt zu welchem Flächeninhalt?

Wurzeln abschätzen

Einschachteln

Nicht jede Wurzel ist eine ganze Zahl. Wie groß ist ? Suche die Quadratzahlen, zwischen denen der Radikand liegt: 7² = 49 und 8² = 64. Wegen 49 < 50 < 64 gilt . Allgemein: Liegt a zwischen n² und (n + 1)², dann liegt √a zwischen n und n + 1. Die Mitte 7,5 ist keine gute Schätzung: 7,5² = 56,25 ist schon viel zu groß. Da 50 dicht bei 49 liegt, ist √50 nur knapp größer als 7.

Ziehe a am Regler. Bei welchen Werten von a liegt die Wurzel zwischen 5 und 6?

Stelle für Stelle

Jetzt prüfe die Zehntel durch Quadrieren: 7,1² = 50,41 ist zu groß, 7,0² = 49 zu klein. Also . Für die nächste Stelle rechnest du 7,07² = 49,9849 und 7,08² = 50,1264 und erhältst . Jede weitere Stelle kostet nur zwei Quadrate. Das Vorgehen bleibt immer gleich: einen Kandidaten quadrieren, mit dem Radikanden vergleichen, die Grenzen enger ziehen. So kannst du einen Taschenrechnerwert wie 7,0710678 nachprüfen, statt ihn nur zu glauben.

Zahlenstrahl von 7 bis 8: √50 bei 7,071068, Ausschnitt 7 bis 7,177,17,27,37,47,57,67,77,87,98√50 77,027,047,067,087,1√50
√50 liegt zwischen 7,0 und 7,1; die Vergrößerung zeigt die nächste Stelle.

Im Kopf verschieben

Bei glatten Zahlen hilft eine Beobachtung: Ein Quadrat mit zehnmal so langer Seite hat hundertmal so viel Fläche. Aus √4 = 2 folgt deshalb √400 = 20 und √0,04 = 0,2; aus √16 = 4 folgt √1600 = 40. Merke: zwei Stellen im Radikanden, eine Stelle im Wert. Bei √0,04 wird aus 0,04 = 4 : 100 die Rechnung 2 : 10 = 0,2, nicht 0,02. Die Probe bestätigt es: 0,2 · 0,2 = 0,04. Lässt sich der Radikand nicht so zerlegen, schachtelt man wie eben ein.

Ändere s. Wie verhalten sich die beiden Flächen, wenn die Seite zehnmal so lang wird?

Warum √2 kein Bruch ist

Das Quadrat mit Fläche 2

Ein Quadrat mit Seite 1 hat eine Diagonale. Das Quadrat über dieser Diagonale besteht aus vier halben Einheitsquadraten und hat den Flächeninhalt 2; seine Seite ist also . Ist ein Bruch p/q aus ganzen Zahlen? Die Brüche 7/5 und 99/70 kommen sehr nah heran: (7/5)² = 1,96 und (99/70)² ≈ 2,0002. Treffen sie? Weder Näherungen noch Taschenrechnerziffern klären das. Man braucht einen Beweis: eine Überlegung, die für jeden Bruch p/q auf einmal zeigt, dass er nicht passt.

Das gekippte Quadrat besteht aus vier halben Einheitsquadraten. Wie groß ist seine Fläche, wie lang seine Seite?

Beweis durch Widerspruch

Beim indirekten Beweis nimmt man das Gegenteil der Behauptung an und leitet daraus einen Widerspruch her. Ein Widerspruch kann nicht wahr sein, also war die Annahme falsch, und die Behauptung stimmt. Ein Beispiel: Angenommen, N wäre die größte natürliche Zahl. Dann ist N + 1 noch größer, ein Widerspruch – es gibt also keine größte Zahl. Behauptung: √2 ist kein Bruch. Annahme: Doch, mit ganzen Zahlen p und q – und der Bruch ist gekürzt, p und q haben also keinen gemeinsamen Teiler.

Der Beweis in vier Schritten

  1. Quadrieren: , also . Damit ist p² gerade.
  2. Ist p² gerade, dann ist p gerade, denn das Quadrat einer ungeraden Zahl ist ungerade. Also und .
  3. Einsetzen: , also . Damit ist q² gerade, und wie in Schritt 2 auch q.
  4. p und q sind beide gerade – der Bruch ließe sich mit 2 kürzen. Das ist ein Widerspruch zu „gekürzt“.

Also gibt es kein solches p/q: ist irrational.

Suche p und q, bei denen das große Quadrat so viel Fläche hat wie die beiden kleinen. Wird die Differenz je null?

Reelle Zahlen

Wozu neue Zahlen?

Jede Erweiterung des Zahlbereichs löst eine Gleichung, die vorher unlösbar war. hat in ℕ keine Lösung, dafür gibt es ℤ. hat in ℤ keine, dafür gibt es ℚ mit . Und hat in ℚ keine Lösung, das zeigte der Beweis; dafür braucht man die reellen Zahlen ℝ. Die Mengen liegen ineinander: ℕ ⊂ ℤ ⊂ ℚ ⊂ ℝ. Reelle Zahlen, die keine Brüche sind, heißen irrational.

Ineinander liegende Zahlenmengen: die natürlichen Zahlen in den ganzen Zahlen, diese in den rationalen Zahlen, diese in den reellen Zahlen ℝ ℚ ℤ ℕ irrational
Die Zahlenmengen liegen ineinander; der äußere Ring von ℝ enthält die irrationalen Zahlen.

Rational oder irrational?

Am Dezimalbruch erkennt man rationale Zahlen: Er bricht ab (0,75) oder wiederholt sich in einer Periode (1/3 = 0,333…, 3/11 = 0,2727…); die Periode kann lang sein, wie bei 1/7 = 0,142857142857…. Ohne Periode ist die Zahl irrational: √2 = 1,41421356…, √3 oder π = 3,14159265…. Unendlich viele Ziffern allein machen eine Zahl also nicht irrational, und nicht jede Wurzel ist irrational: √16 = 4. Auch π ist nicht 22/7 = 3,142857…; das ist nur eine Näherung.

Die Zahlengerade wird lückenlos

Brüche liegen dicht: Zwischen zwei Brüchen liegt immer noch einer. Trotzdem lassen sie Lücken. Trägt man die Diagonale des Einheitsquadrats mit dem Zirkel auf die Zahlengerade ab, trifft sie einen Punkt, zu dem kein Bruch gehört. Erst ℝ füllt alle Lücken: Jedem Punkt entspricht genau eine reelle Zahl. Schon die Pythagoreer stießen auf Strecken, die sich nicht als Verhältnis ganzer Zahlen schreiben lassen, nach der Überlieferung ein Schock für ihr Weltbild; dass π irrational ist, wurde erst im 18. Jahrhundert bewiesen.

Der Zirkelbogen legt die Diagonale auf die Zahlengerade: Sie endet im Punkt √2. Drehe sie mit dem Regler zurück ins Quadrat und wieder heraus – gibt es einen Bruch für diesen Punkt?

Das Heron-Verfahren

Vom Rechteck zum Quadrat

Ein Quadrat mit dem Flächeninhalt a hat die Seite √a. Das Heron-Verfahren startet mit irgendeinem Rechteck vom Flächeninhalt a, für a = 2 zum Beispiel mit den Seiten x₀ = 1 und 2 : 1 = 2. Nun ersetzt man die Seite x durch den Mittelwert beider Seiten: x₁ = (1 + 2) : 2 = 1,5. Die andere Seite ist dann 2 : 1,5 = 1,3333. Das Rechteck wird quadratischer, und sein Flächeninhalt bleibt 2.

Erhöhe den Schritt n. Welchem Quadrat nähert sich das Rechteck?

Der Algorithmus

Als Formel: Dieselbe Vorschrift wird immer wieder auf das letzte Ergebnis angewendet – ein iteratives Verfahren. In einer Tabellenkalkulation genügt für a = 2 die Formel =(A2+2/A2)/2, nach unten gezogen. Das Ergebnis eines Schritts ist immer der Startwert des nächsten. Jeder positive Startwert funktioniert; ein schlechter kostet nur ein paar Schritte mehr.

nxₙ2 : xₙ
012
11,51,333333
21,4166671,411765
31,4142161,414211

Wie gut ist die Näherung?

Von den beiden Seiten xₙ und a : xₙ ist immer eine zu groß und eine zu klein, denn ihr Produkt ist a. Also liegt dazwischen: bei n = 3 ist 1,414211 < √2 < 1,414216. Die Zahl der richtigen Stellen verdoppelt sich etwa mit jedem Schritt: 1, 3, 6 Stellen bei x₁, x₂, x₃. Der Abstand der beiden Seiten zeigt, wie genau die Näherung ist: bei n = 1 liegt √2 zwischen 1,333333 und 1,5, bei n = 2 schon zwischen 1,411765 und 1,416667.

Zahlenstrahl von 1 bis 1,6: x₀ bei 1, x₁ bei 1,5, Ausschnitt 1,412 bis 1,41811,11,21,31,41,51,6x₀x₁ 1,4121,4141,4161,418x₂√2
Die Näherungen x₀, x₁, x₂ nähern sich √2 (Vergrößerung unten).

Wurzelgesetze

Mal und geteilt

Unter der Wurzel darf man multiplizieren und dividieren. Für a, b ≥ 0 gilt Beide Seiten ergeben quadriert dasselbe, zum Beispiel . So wird und . Man darf auch rückwärts lesen: . Das hilft im Kopf: √2 · √8 sieht unlösbar aus, aber 2 · 8 = 16 ist eine Quadratzahl.

Wähle a und b. Sind die beiden Balken jemals verschieden lang?

Plus und minus: kein Gesetz

Für Summen und Differenzen gibt es kein solches Gesetz. Es ist , aber . Die Kurve von steigt immer langsamer; deshalb ist größer als . Bei √(a + b) wird erst der Radikand berechnet, bei √a + √b jede Wurzel einzeln. Auch bei Differenzen gilt kein Gesetz: √25 − √9 = 2, aber √(25 − 9) = √16 = 4.

Stelle a und b ein. Wie verhält sich die Höhe bei a + b zur Summe der beiden anderen Höhen?

Gleichartige Wurzeln und Potenzen

Wurzeln mit demselben Radikanden fasst man wie zusammen: . Bei geht das nicht. Der Radikand spielt die Rolle der Variablen x: Nur gleiche „Sorten“ lassen sich zusammenfassen. Bei Potenzen hilft (√a)² = a, und der Vorfaktor wird mit quadriert: , sowie .

Teilweise radizieren, Nenner rational

Teilweise radizieren

Enthält der Radikand einen Quadratfaktor, kann man ihn herausziehen: Man sucht den größten Quadratfaktor: Bei √48 geht zwar 4 · 12, aber mit 16 · 3 erhält man sofort 4√3. Der Taschenrechner zeigt oft genau diese Form: 6√2 steht für 8,485…. Rückwärts, beim Einbringen, wird . So lassen sich Wurzelterme vergleichen: 3√5 = √45 ist kleiner als 4√3 = √48.

Vier Quadrate mit je 2 Flächeneinheiten füllen ein großes. Wie oft passt die kleine Seite √2 auf die große Seite √8?

Wurzel im Nenner

Steht eine Wurzel im Nenner, erweitert man den Bruch mit ihr: . Der Wert bleibt gleich (≈ 0,71), der Nenner ist aber rational. Erlaubt ist das, weil man Zähler und Nenner mit derselben Zahl multipliziert; von Hand rechnet man √2 : 2 leichter als 1 : 1,414…. Ebenso ist .

Ändere a und b. Bleiben die beiden Längen vor und nach dem Erweitern gleich?

Der Trick mit (a + b)(a − b)

Bei im Nenner hilft das Erweitern mit √3 nicht. Man erweitert mit dem Gegenstück ; nach der dritten binomischen Formel ist . Also . Mit dem Nenner selbst zu erweitern nützt nichts: (√3 − 1)² = 4 − 2√3 enthält wieder eine Wurzel.

Ändere y. Haben die L-Form und das Rechteck immer denselben Flächeninhalt?

Wurzeln mit Variablen

Was ist ? Für x = 5 ist es 5. Für x = −3 gilt aber , nicht −3. Die Wurzel ist nie negativ; deshalb kommt der Betrag ins Spiel: Nur wenn x ≥ 0 bekannt ist, darf man den Betrag weglassen.

So wird und . Der Term braucht keinen Betrag, denn x² ist nie negativ. Und lässt sich nicht zu |x| + 3 vereinfachen.

Beim teilweisen Radizieren zieht man ebenfalls den Quadratfaktor heraus: für a ≥ 0 ist . Ist das Vorzeichen offen, steht der Betrag: für y ≥ 0. Und der Radikand darf nie negativ sein: gibt es nur für x ≥ 2.

Stelle x auf negative Werte. Wo liegt √(x²), wo liegt x?
Weiter: Quadratische Funktionen und Gleichungen

Konzepte

QuadratwurzelnIrrationale ZahlenReelle ZahlenBeweisHeron-VerfahrenNenner rational machen