Wahrscheinlichkeit verknüpfter Ereignisse
Wie zählt man „A oder B“ richtig?
Ein Würfelwurf: „Ist die Augenzahl gerade oder größer als 3?“ Eine Klassenumfrage: „Wer spielt Fußball und Basketball?“ In beiden Fällen stehen zwei Ereignisse nebeneinander. Wer beide Bedingungen erfüllt, wird beim Zählen leicht doppelt erwischt, und deshalb lassen sich ihre Wahrscheinlichkeiten nicht einfach addieren.
Du lernst, verknüpfte Ereignisse mit
Zwei Merkmale gleichzeitig
In der 9a sind 30 Schülerinnen und Schüler. In einer Sportumfrage geben
18 an, regelmäßig
„Wie viele von euch betreiben mindestens eine dieser beiden Sportarten?“
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein: 18 + 12 = 30. Also
alle? Doch das passt nicht — denn ein paar Schülerinnen und Schüler spielen
In diesem Artikel lernst du, wie man zwei Ereignisse verknüpft:
mit einem
P(A ∪ B) = P(A) + P(B) − P(A ∩ B).
Am Ende kannst du Aufgaben wie diese sicher lösen — und dabei sauber zwischen
„A
Das Mengendiagramm
Um zwei Ereignisse gleichzeitig darzustellen, zeichnen wir ein Mengendiagramm (auch Venn-Diagramm genannt). Jeder Kreis steht für ein Ereignis:
- Der
linke Kreis umfasst alle, dieFußball spielen. - Der
rechte Kreis umfasst alle, dieBasketball spielen. - Das umgebende Rechteck ist die Ergebnismenge Ω — alle 30 Schülerinnen und Schüler der Klasse.
Aus der Befragung wissen wir: 5 spielen beide Sportarten.
Sie liegen genau dort, wo sich die Kreise
- 13 spielen nur
Fußball (18 − 5) - 5 spielen
beides - 7 spielen nur
Basketball (12 − 5) - 5 spielen
keines von beiden (außerhalb der Kreise): 30 − 13 − 5 − 7 = 5
Zusammen: 13 + 5 + 7 + 5 = 30. Alle sind erfasst, niemand wird doppelt gezählt.
Achtung: Die Zahl 18 gehört zum ganzen Kreis „Fußball“ und schließt die 5 im Überlapp ein. Im Bereich „nur Fußball“ stehen deshalb nur 13.
Schnittmenge — A und B
Wir interessieren uns zuerst für den Bereich, in dem sich beide Kreise
überschneiden. Dort liegen genau die Schüler:innen, die
Diesen Bereich nennen wir die Schnittmenge und schreiben:
Das Symbol ∩ heißt Schnitt (englisch cap, „Kappe“). Die Schnittmenge enthält genau die Ergebnisse, die in beiden Ereignissen vorkommen.
In unserer Klasse:
Klicke unten auf die Region, um den Schnitt hervorzuheben — und probiere auch die anderen Regionen aus.
Beachte: Wenn man fragt „Wie viele Schüler:innen spielen Fußball und Basketball?“, lautet die Antwort 5 — nicht 18 und nicht 12. Das Wort „und“ grenzt die Menge stark ein.
Dasselbe gilt beim Würfel. Sei
Vereinigungsmenge — A oder B
Jetzt zur Ausgangsfrage: Wie viele spielen mindestens eine der beiden Sportarten? Wir suchen alle Schüler:innen, die in mindestens einem der beiden Kreise liegen — egal, in welchem.
Diese Menge heißt Vereinigungsmenge:
Das Symbol ∪ heißt Vereinigung (englisch cup). Wichtig: Das mathematische „oder“ ist einschließend. Ein Schüler, der beide Sportarten spielt, gehört auch zu „A oder B“.
Aus dem Mengendiagramm können wir
- nur Fußball: 13
- beides: 5
- nur Basketball: 7
- = zusammen 25 Personen
Also:
Die übrigen Personen lassen sich auch rechnen: Gesamtzahl − |A ∪ B| = 30 − 25 = 5 spielen weder Fußball noch Basketball.
Beim Würfel:
Doppelt gezählt — die Summenformel
Bisher haben wir das Ergebnis 25 aus dem Diagramm direkt abgelesen. Gibt es auch eine Formel, mit der wir |A ∪ B| ohne das Bild bestimmen können? Probieren wir es:
Aber im Diagramm zählen wir nur 25 verschiedene Personen! Es fehlen 5. Wo ist der Fehler?
Schau dir das Mengendiagramm noch einmal an: Die 5 Personen, die
Um das auszugleichen, müssen wir die Schnittmenge einmal abziehen:
Setzen wir unsere Zahlen ein:
|A ∪ B| = 18 + 12 − 5 = 25 ✓
Diese Regel heißt Inklusions-Exklusions-Formel (oder kürzer: Summenformel). Probiere unten verschiedene Zahlen aus — das Diagramm und die Formel passen sich live an.
Umgekehrt geht es auch: Kennt man |A|, |B| und |A ∪ B|, folgt der Schnitt aus der umgestellten Formel
Vierfeldertafel
Das Mengendiagramm ist anschaulich, wird aber unübersichtlich, sobald Häufigkeiten ins Spiel kommen. Eine zweite, besonders praktische Darstellung ist die Vierfeldertafel.
Sie ordnet alle Personen nach zwei Merkmalen in eine Tabelle mit vier Feldern ein. Bei unserer Klasse sind die Merkmale:
A = „spielt Fußball“ und das GegenereignisĀ = „spielt nicht Fußball“B = „spielt Basketball“ und das GegenereignisB̄ = „spielt nicht Basketball“
In jedes Feld schreiben wir, wie viele Schüler:innen die jeweilige Kombination erfüllen:
- oben links:
A ∩ B — Fußball und Basketball: 5 - oben rechts: A ∩ B̄ — Fußball, aber kein Basketball: 13
- unten links: Ā ∩ B — kein Fußball, aber Basketball: 7
- unten rechts: Ā ∩ B̄ — weder noch: 5
Die Randspalten und Randzeilen ergeben die einzelnen Häufigkeiten und in der Ecke unten rechts steht die Gesamtzahl.
Lies aus der Tabelle ab:
- |A| = 5 + 13 = 18 (Zeilensumme oben)
- |B| = 5 + 7 = 12 (Spaltensumme links)
- |A ∩ B| = 5 (oben links)
- Gesamtzahl = 30 (unten rechts)
Die Vierfeldertafel ist also nichts anderes als eine geordnete Form des Mengendiagramms — und sie eignet sich besonders, um aus einer Aufgabe Schritt für Schritt die fehlenden Felder zu ergänzen.
Meist kennt man nur einige Zahlen. In einem Kurs mit 20 Personen trinken 12 Kaffee (A), 9 Tee (B) und 5 beides. Dann steht
Von Häufigkeiten zu Wahrscheinlichkeiten
Die Vierfeldertafel zeigt absolute Häufigkeiten — also reine
Anzahlen. Wenn wir nun zufällig eine Schülerin oder einen Schüler aus der
Klasse wählen, können wir die Tafel direkt in
Die Idee aus der Klasse 8 (Laplace-Wahrscheinlichkeit) gilt weiter:
Wir teilen also jede Zahl der Tafel durch 30. Aus Häufigkeiten werden so relative Häufigkeiten — und das sind genau die Wahrscheinlichkeiten unseres Zufallsexperiments „eine Person rein zufällig auswählen“:
Damit folgt die wichtige Regel direkt aus der Summenformel — wir teilen einfach jede Seite durch die Gesamtzahl:
Das ist genau dieselbe Formel wie für die Anzahlen — nur jetzt für Wahrscheinlichkeiten. In unserem Beispiel:
P(A ∪ B) = 0,60 + 0,40 − 0,17 ≈ 0,83
Mit Wahrscheinlichkeit etwa 83 % trifft man also einen Schüler oder eine Schülerin, der bzw. die mindestens eine der beiden Sportarten betreibt.
Auch das Gegenteil bekommst du geschenkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass weder A noch B eintritt, ist der Rest bis 1:
P(weder A noch B) = 1 −
Das passt zur Tafel: 5 von 30 Personen liegen außerhalb der Kreise, 5 : 30 ≈ 0,17.
Disjunkte Ereignisse
Was passiert, wenn sich die zwei Kreise nicht berühren? Stell dir einen Würfelwurf vor und betrachte die Ereignisse:
A = „Augenzahl ist gerade“ = {2, 4, 6}B = „Augenzahl ist 1“ = {1}
Es gibt keine Augenzahl, die gleichzeitig gerade und gleich 1 ist. Solche Ereignisse heißen disjunkt (oder unvereinbar):
Im Mengendiagramm berühren sich die beiden Kreise dann gar nicht — die Schnittfläche ist leer. Der dritte Schieber steht auf 0. Zieh ihn probeweise nach oben: Sobald er größer als 0 ist, überlappen sich die Kreise, und der Korrekturterm ist nicht mehr null.
Für disjunkte Ereignisse vereinfacht sich die Summenformel zu:
Beim Würfel: P(A ∪ B) = 3/6 + 1/6 = 4/6 ≈ 0,67. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Augenzahl gerade oder gleich 1 ist, beträgt also rund 67 %.
Faustregel: Frag dich vor jeder Vereinigungsaufgabe — können beide Ereignisse gleichzeitig eintreten? Wenn nein, ist es ein einfacher Spezialfall.
Zum Vergleich:
Wahrscheinlichkeit verknüpfter Ereignisse
Wir haben jetzt zwei mächtige Werkzeuge, um zwei verknüpfte Ereignisse zu beschreiben — und genau eine Formel, die sie zusammenhält.
Die wichtigsten Begriffe
A ∩ B — Schnittmenge: A und B treten beide ein.A ∪ B — Vereinigungsmenge: A oder B (oder beides) tritt ein.Ā — Gegenereignis: A tritt nicht ein.
Die Inklusions-Exklusions-Formel
Sie funktioniert wörtlich genauso für absolute Häufigkeiten: |A ∪ B| =
|A| + |B| − |A ∩ B|. Bei
Zwei Darstellungen — eine Idee
Mengendiagramm und Vierfeldertafel zeigen dieselben Daten aus zwei Perspektiven. Beide darfst du in Aufgaben einsetzen — und je nach Information, die gegeben ist, ist mal die eine, mal die andere bequemer.
- Mengendiagramm — gut zum schnellen Visualisieren von „und/oder/weder/noch“.
- Vierfeldertafel — ideal, um aus Teilangaben die fehlenden Felder Schritt für Schritt auszufüllen.
Vorgehen bei Textaufgaben
- Identifiziere die zwei Merkmale A und B (und ihre Gegenereignisse Ā, B̄).
- Übertrage die gegebenen Zahlen in eine Vierfeldertafel.
- Fülle die fehlenden Felder über Zeilen-/Spaltensummen aus.
- Lies oder berechne die gefragte Wahrscheinlichkeit.
- Teste mit der Inklusions-Exklusions-Formel, ob alles stimmt.
Im nächsten Schritt — der Klasse 11 — wirst du sehen, wie diese Formel zur bedingten Wahrscheinlichkeit PB(A) führt. Aber das ist eine andere Geschichte.