Sechs Wurzeln

30 Minuten · 12 Abschnitte

Ein Glas Limonade, drei PlÀtze

In einem Glas voll Eis stehen 30 Milliliter Zitronensaft und 30 Milliliter Zuckersirup, aufgefĂŒllt mit 150 Millilitern kaltem Sprudel: eine Zitronenlimonade, wie sie jede SchulkĂŒche machen kann. Jede der drei Zutaten hat eine Aufgabe, und keine lĂ€sst sich weglassen. Die Zitrone macht sie sauer, der Sirup hĂ€lt sĂŒĂŸ dagegen, der Sprudel macht sie lang. Tauscht man die Zitrone gegen Limette und den Sirup gegen einen aus Ingwer, Ă€ndert sich der Geschmack, aber nicht der Bauplan. Es ist nur ein Platz neu besetzt.

BarbĂŒcher ordnen seit Langem Hunderte Drinks wenigen solcher BauplĂ€ne zu. David Embury kam 1948 mit zwei Grundtypen und sechs Grunddrinks aus; das Barbuch Cocktail Codex fĂŒhrte 2018 fast alles auf sechs Wurzeln zurĂŒck. Jede Wurzel trĂ€gt dort den Namen eines klassischen Cocktails, und jeder dieser Klassiker enthĂ€lt eine Spirituose — nach § 9 des Jugendschutzgesetzes erst ab 18. In diesem Artikel bleiben die Klassiker deshalb Theorie: Man sieht ihren Bauplan und ihre Geschichte, gemischt wird nichts davon. Gemischt wird der alkoholfreie Zwilling jeder Wurzel, gebaut aus Saft, Tee, Sirup und Sprudel. Und wo ein Zwilling nicht trĂ€gt, sagt das Bild es auch.

Sechs Wurzeln, die sechs Klassiker, nach denen sie heißen (grau, nur Theorie), und 13 Drinks ohne Alkohol. Tippe auf den Sour.

Tippt man auf den Sour, leuchten sechs KĂ€sten auf: grau der Daiquiri, der Klassiker, nach dem die Literatur diese Wurzel benennt, und fĂŒnf Drinks ohne Alkohol — darunter die Limonade vom Anfang. Eine Linie heißt in diesem Bild ist gebaut nach. Jeder Drink hĂ€ngt an genau einer Wurzel, und seine Farbe verrĂ€t, an welcher.

Sechs der dreizehn Drinks tragen ein Etikett: starker, mittlerer oder schwacher Zwilling. Sie ersetzen ihren Klassiker direkt; die ĂŒbrigen sieben sind Abwandlungen. Ob ein Zwilling trĂ€gt, hĂ€ngt an einer einzigen Frage: Was hĂ€lt den Klassiker zusammen — die Balance oder der Alkohol selbst? Die Antwort kommt Wurzel fĂŒr Wurzel. Jeder Abschnitt fĂŒgt dem Bild eine neue Stellschraube hinzu, und zu den Wurzeln kommt jeweils, was aus dem KĂŒhlschrank in den Drink geht, verbunden durch dĂŒnnere Linien. Sie heißen wird gemacht aus.

Sauer gegen sĂŒĂŸ

Der einfachste Bauplan hat drei PlĂ€tze. 60 Milliliter Basis, 25 Milliliter Zitronensaft und 20 Milliliter Sirup, mit Eis zehn bis fĂŒnfzehn Sekunden hart geschĂŒttelt: Das ist ein Sour. Zitrone und Sirup sind ein Hebelpaar — mehr Zitrone macht ihn frischer, mehr Sirup runder. Wie viel von jedem, ist weniger festgelegt, als Rezepte glauben machen. Embury schrieb acht Teile Basis auf zwei Teile sauer und einen Teil sĂŒĂŸ, heutige BarbĂŒcher nehmen eher zwei zu eins zu eins, und schon Embury setzte hinzu, am Ende entscheide der eigene Geschmack. Gemessen wird trotzdem, denn nur wer misst, weiß beim Nachschmecken, welchen Hebel er bewegt hat. Ob Zitrone oder Limette, ist dabei fast gleichgĂŒltig: Sie haben rund 49 und 47 Gramm ZitronensĂ€ure pro Liter. Den Unterschied macht der Duft.

Der grĂ¶ĂŸte Platz ist die Basis. Im Daiquiri ist sie Rum, mehr als die HĂ€lfte des Drinks, und sie bringt Brennen, Körper und ein wenig SĂŒĂŸe. Wer sie einfach weglĂ€sst, behĂ€lt 45 Milliliter gesĂŒĂŸten Zitronensaft: einen dĂŒnnen, sauer-sĂŒĂŸen Schluck, aber keinen Drink. Der Platz muss neu besetzt werden. Im Tee-Sour ĂŒbernimmt ihn Schwarztee, doppelt so stark gebrĂŒht wie zum Trinken und kalt gestellt. Sein Gerbstoff gibt den Biss, eine Prise Salz nimmt ihm die Herbe. Doppelt stark muss er sein, weil das Eis ihn gleich wieder verdĂŒnnt; wie sehr, zeigt der Abschnitt ĂŒber das Eis weiter unten. Er bringt auch Koffein mit: In 60 Millilitern stecken rund 25 Milligramm, gut so viel wie in einer halben Tasse Schwarztee. FĂŒr Jugendliche hĂ€lt die EFSA bis zu 3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag fĂŒr unbedenklich, bei 45 Kilogramm also etwa 135. Wer an einem Tag mehrere Tee-Drinks probiert, nimmt kleine Schlucke oder entkoffeinierten Tee.

Die zweite Wurzel Ă€ndert nur einen Platz. Im verstĂ€rkten Sour bringt die SĂŒĂŸe ihr eigenes Aroma mit; im Klassiker, dem Sidecar, ist sie ein Orangenlikör. Der Zwilling holt dieses Aroma ohne Alkohol aus der Schale. Orangenschale, ohne das Weiße in Zucker gelegt, gibt in einigen Stunden ihr Öl ab, das Wasser allein nicht lösen kann, und der Zucker wird feucht und duftet. Die Bar nennt das Oleo saccharum, Öl-Zucker; so steht es in Punschrezepten seit mindestens 1670. Mit wenig Wasser gelöst, wird daraus ein Sirup, und 50 Milliliter kalter Earl Grey, 25 Milliliter Oleo-Sirup und 20 Milliliter Zitrone ergeben den Earl-Grey-Sour.

Zwei Wurzeln, zwei Klassiker, zwei Zwillinge. Tippe auf den Earl-Grey-Sour: Statt des einfachen Sirups leuchtet der Oleo-Sirup auf.

Beide Zwillinge tragen. Das liegt weniger am Tee als am Bauplan: Ein Sour lebt von der Balance zwischen sauer und sĂŒĂŸ, und diese Balance lĂ€sst sich ohne Alkohol genauso bauen. Was dem Tee an Körper fehlt, fĂ€llt in einem Drink kaum auf, der vor allem frisch schmecken soll.

Lang gemacht

Die dritte Wurzel braucht gar keine SĂ€ure. Ein Highball ist eine Basis mit Geschmack, im Glas voll Eis gebaut und mit dem Zwei- bis Vierfachen an kaltem Sprudel verlĂ€ngert. Im Klassiker, dem Whisky Highball, ist die Spirituose der kleinste Teil des Glases. Deshalb gelingt der Zwilling leicht: 25 Milliliter Ingwersirup und 10 Milliliter Limette auf 150 Milliliter Sprudel, und die SchĂ€rfe des Ingwers ĂŒbernimmt den Biss.

Den alltĂ€glichsten Highball in Deutschland nennt niemand so: Apfelsaft und Sprudel, die Apfelschorle. Eins zu eins gemischt, halbiert sie den Zucker des Safts pro Glas, eins zu drei viertelt sie ihn. Der Spritz ist ein naher Verwandter, dessen Basis selbst schon bitter oder aromatisch ist und der im Weinglas steht. Ohne Alkohol besetzt ein HolunderblĂŒtensirup diese Basis, oder ein Shrub: Rhabarber und Zucker ziehen, bis Saft austritt, dann kommt Essig dazu. Der Essig bringt SĂ€ure und Biss, ohne dass im Shrub etwas gĂ€ren muss — der Rhabarber-Spritz braucht deshalb keine Zitrone.

Sprudel verlĂ€ngert auch Sours. Ein Sour, mit Sprudel aufgefĂŒllt, heißt an der Bar Collins, wenn er im Glas gebaut wird, und Fizz, wenn er vorher geschĂŒttelt wird. Die Limonade vom Anfang ist also ein Collins ohne eigene Basis: Weil sie lang ist, braucht sie keinen Körper. Der Smash liegt zwischen den Familien — eine halbe Limette in Achteln, Sirup und acht MinzblĂ€tter im Glas sanft angedrĂŒckt, Crushed Ice darauf und ein Schuss Sprudel.

Die langen Drinks aus zwei Wurzeln. Tippe auf den Sprudel: Er steckt in allen sieben.

Alle langen Drinks teilen ein physikalisches Problem. Kohlendioxid löst sich bei 0 Grad etwa doppelt so gut wie bei 20 Grad. Warmer Sprudel verliert seine Perlen schon beim Eingießen, und krĂ€ftiges RĂŒhren treibt den Rest hinaus. Deshalb gilt fĂŒr jeden gebauten Drink dieselbe Reihenfolge: alles vorgekĂŒhlt, das Eis zuerst, der Sprudel zuletzt am Barlöffel entlang, dann ein einziges Anheben. GeschĂŒttelt wird Sprudel nie.

GerĂŒhrt, ohne SĂ€ure

Die nĂ€chsten beiden Wurzeln haben weder Zitrone noch Sprudel. Was hĂ€lt ihre SĂŒĂŸe dann im Gleichgewicht? Embury nannte sie den aromatischen Typ: Gegen den Zucker steht Bitteres statt SĂ€ure, oder ein aromatisierter Wein. Die erste gedruckte Definition des Cocktails, 1806 in einer Zeitung in Hudson im Staat New York, beschreibt genau diesen Bauplan: Spirituose, Zucker, Wasser und Bitter. Die Literatur benennt diese Wurzel, den aromatischen Bauplan mit Bitter, nach dem Old Fashioned. Die zweite, den aromatischen Bauplan mit Wein, nach dem Martini: Gin und trockener Wermut, etwa sechs zu eins.

Beide werden auf Eis gerĂŒhrt. SchĂŒtteln kĂŒhlt schnell, bringt aber Luft und feine Eissplitter in den Drink. FĂŒr Zitrus, Saft und Ei ist das richtig, denn diese Drinks sind ohnehin trĂŒb. Ein klarer Drink aus Basis, wenig SĂŒĂŸe und Aroma wird gerĂŒhrt: Er wird langsamer kalt, bleibt dafĂŒr aber klar und ohne Schaum.

Hier werden die Zwillinge schwerer. Im Old Fashioned ist der Whiskey fast der ganze Drink, und sogar das Bitter ist eine Spirituose: Aromatische Bitter, die man spritzerweise dosiert, haben um die 45 Prozent Alkohol. Auch ein Spritzer ist also nicht alkoholfrei. Der Zwilling baut das Bittere deshalb anders: 60 Milliliter kalter, doppelt starker Rauchtee, 7,5 Milliliter reicher Sirup und eine Prise Salz, auf Eis gerĂŒhrt, ĂŒber einem großen WĂŒrfel, darĂŒber eine ausgedrĂŒckte Orangenzeste. Reicher Sirup ist zwei Teile Zucker auf einen Teil Wasser und pro Milliliter etwa 1,45-mal so sĂŒĂŸ wie der einfache — deshalb reicht so wenig. Rauch und Gerbstoff tragen, das Salz zĂ€hmt die Herbe, die Zeste bringt den Duft. Der Rauchtee-Drink trĂ€gt, aber nur zum Teil: Den Körper des Whiskeys hat Tee nicht.

Beim Martini endet die Analogie. Der Gin ist sechs Siebtel des Glases, und er ist Geschmack, Körper und WĂ€rme zugleich. Der Zwilling tut, was er kann: 60 Milliliter Wasser, zwölf Stunden kalt mit Wacholderbeeren, Zitronenschale und Gurke angesetzt, dazu 10 Milliliter Verjus, der Saft unreifer Trauben, und ein Tropfen Salzlösung. Er duftet nach Wacholder und Zitrone und bleibt doch Wasser mit Aroma. Das Bild nennt ihn deshalb einen schwachen Zwilling. Man könnte die LĂŒcke mit einem gekauften Gin-Ersatz fĂŒllen; dieser Kurs lĂ€sst sie offen. Ein GetrĂ€nk ohne Alkohol ist hier eine eigene Sorte und muss keinen Klassiker nachahmen.

Die beiden aromatischen Wurzeln. Tippe auf den Rauchtee-Drink: Der kalte Tee besetzt den Platz, den im Klassiker der Whiskey hat.

Körper aus dem Ei

Die sechste Wurzel holt ihren Körper nicht aus dem Alkohol, sondern aus etwas Greifbarem. Ein Flip ist Basis, SĂŒĂŸe und ein ganzes Ei oder Sahne; schon das erste Handbuch fĂŒr Barkeeper, Jerry Thomas’ How to Mix Drinks von 1862, fĂŒhrt die Flips als eigene Familie. Im Klassiker, dem Brandy Flip, ist die Basis ein Weinbrand. Doch das Ei macht aus dem Drink eine dichte, schaumige Creme, und die Basis muss nur noch Tiefe bringen. Deshalb trĂ€gt der Zwilling gut: 60 Milliliter Chai-Konzentrat, also Schwarztee mit Zimt, Kardamom und Ingwer gekocht, 15 Milliliter Ahornsirup und ein Ei, darĂŒber etwas frisch geriebener Muskat.

Damit Schaum entsteht, wird zweimal geschĂŒttelt: erst ohne Eis, damit sich das Ei aufschlĂ€gt, dann mit Eis zum KĂŒhlen. Die Bar nennt das Dry Shake. Trocken heißt dabei ohne Eis; mit Trockeneis hat es nichts zu tun, und das gehört ebenso wenig in eine SchulkĂŒche wie flĂŒssiger Stickstoff. Das Ei ist pasteurisiert. Rohes Ei kann Salmonellen tragen, und weder Zitrone noch Alkohol töten sie in der Zeit, die ein Drink braucht. Wer ganz ohne Ei auskommen will, schĂŒttelt Aquafaba, das Wasser aus der Kichererbsendose: Es schĂ€umt wie Eiweiß und steckt im Zitronen-Fizz.

Die sechste Wurzel. Tippe auf den Chai-Flip und dann auf den Brandy Flip: Beide folgen demselben Bauplan, aber nur einer hat Zutaten aus dem KĂŒhlschrank.

Damit sind alle sechs Wurzeln im Bild, und das Muster der Zwillinge lÀsst sich ablesen. Wo der Klassiker von Balance, LÀnge oder Körper lebt, lÀsst sich der Platz der Spirituose mit Tee, Ingwer oder einem Ei neu besetzen. Wo die Spirituose selbst der Kern ist, gelingt das nur zum Teil oder gar nicht.

Sour, verstĂ€rkter Sour, Highball und Flip leben von Balance, LĂ€nge oder Körper und haben starke Zwillinge; der aromatische Bauplan mit Bitter hat einen mittleren, der mit Wein einen schwachen Zwilling, weil dort die Spirituose selbst der Kern ist Wurzel was den Klassiker trĂ€gt Zwilling Sour Balance sauer–sĂŒĂŸ VerstĂ€rkter Sour Balance, SĂŒĂŸe mit Aroma Highball LĂ€nge und KohlensĂ€ure Flip Körper aus dem Ei Aromatisch mit Bitter Spirituose und Bitter Aromatisch mit Wein die Spirituose selbst stark stark stark stark mittel schwach
Je mehr ein Klassiker von seiner Balance lebt, desto besser trÀgt der Zwilling ohne Alkohol. Je mehr er von der Spirituose selbst lebt, desto weniger.

Die Zutat, die in keinem Rezept steht

In keinem der bisherigen Bilder steht eine Zutat, die fast jeder dieser Drinks enthĂ€lt: Wasser aus dem Eis. Eis kĂŒhlt einen Drink vor allem, indem es schmilzt. Jedes Gramm, das schmilzt, nimmt 334 Joule WĂ€rme auf und landet als Wasser im Drink. KĂŒhlen und VerdĂŒnnen sind ein und derselbe Vorgang.

Wie viel Wasser das ist, lĂ€sst sich ausrechnen. Ein alkoholfreier Sour von 110 Millilitern wiegt etwa 118 Gramm. Um von 20 auf 0 Grad zu kommen, muss er rund 9400 Joule abgeben; geteilt durch 334 Joule pro Gramm, schmelzen dabei etwa 28 Gramm Eis. Der Drink wird um gut ein Viertel lĂ€nger. Nach zehn bis fĂŒnfzehn Sekunden hartem SchĂŒtteln ist dieses Gleichgewicht fast erreicht — lĂ€nger schĂŒtteln macht ihn kaum noch kĂ€lter.

Ein alkoholfreier Sour von 110 Millilitern gibt beim AbkĂŒhlen von 20 auf 0 Grad rund 9400 Joule ab, dabei schmelzen etwa 28 Gramm Eis; ein Sour mit Alkohol fĂ€llt unter 0 Grad und nimmt mehr Schmelzwasser auf Vorher: 110 ml bei 20 °C Nach 10–15 s SchĂŒtteln: etwa 0 °C Mit Alkohol: unter 0 °C Rezept Rezept + 28 ml Schmelzwasser mehr 118 g × 4 J/(g·K) × 20 K ≈ 9400 J; 9400 J Ă· 334 J/g ≈ 28 g
Die WÀrme, die der Drink abgibt, schmilzt das Eis, und das Schmelzwasser bleibt im Glas. Ohne Alkohol bleibt der Drink bei etwa 0 Grad stehen; mit Alkohol fÀllt er tiefer und schmilzt mehr (schematisch).

Bei einem Sour mit Alkohol geht die Rechnung anders aus. Ethanol senkt den Gefrierpunkt; das Gemisch aus Eis und Drink fĂ€llt deshalb unter 0 Grad, und dabei schmilzt mehr Eis. Ein alkoholfreier Drink bleibt bei etwa 0 Grad stehen und nimmt weniger Wasser auf. Wer ein Cocktailrezept ĂŒbernimmt und nur die Spirituose tauscht, bekommt deshalb einen Drink, der zu sĂŒĂŸ und zu krĂ€ftig ist. Mehr Eis hilft nicht, mehr Sirup schon gar nicht: Man probiert nach dem KĂŒhlen und hilft mit einem Schuss kaltem Wasser oder Sprudel nach.

Im letzten Bild steht das Eis deshalb mit im KĂŒhlschrank, als Zutat, und seine Linien tragen die Technik: geschĂŒttelt, gerĂŒhrt, gebaut. Nur die Schorle kommt ohne Eis aus, wenn Saft und Sprudel schon kalt sind — dann verdĂŒnnt auch nichts.

Was im KĂŒhlschrank steht

Jetzt lĂ€sst sich das Bild umdrehen. Statt zu fragen, woraus ein Drink besteht, fragt man: Was lĂ€sst sich aus dem mischen, was da ist? FĂŒr diese Frage bleibt nur ĂŒbrig, was wirklich im KĂŒhlschrank steht. Die Wurzeln sind BauplĂ€ne, keine Zutaten, und die Klassiker stehen in keinem KĂŒhlschrank einer SchulkĂŒche; beide Spalten fehlen hier. Welche Wurzel ein Drink hat, verrĂ€t weiter seine Farbe. DafĂŒr bekommt der KĂŒhlschrank eine zweite Spalte: Die Sirupe, der kalte Tee und der Shrub, bisher fertig angenommen, werden jetzt selbst aus Zucker, Tee und Frucht gemacht. Schalte das Diagramm auf Vorratskammer und tippe an, was du da hast.

Zitrone, Zucker, Sprudel und Eis: vier Dinge, und die Limonade vom Anfang leuchtet auf, dazu die beiden Sirupe. Sechs weitere stehen auf „fast möglich“, jedes mit genau dem, was ihm fehlt — Schwarztee fĂŒr den kalten Tee, Apfelsaft fĂŒr die Schorle, Aquafaba fĂŒr den Fizz. Nimm Schwarztee und Salz dazu, und der Tee-Sour geht; mit einer Orange auch der Earl-Grey-Sour und der Rauchtee-Drink. Kommen noch Apfelsaft, Limette, Minze, Ingwer und ein Ei dazu, zwölf Dinge also, gehen sieben der dreizehn Drinks. Dann die Gegenprobe: Schalte alles an außer dem Eis. Alle neun Bausteine gehen, aber von den dreizehn Drinks nur die Schorle. Die ĂŒbrigen zwölf stehen auf „fast möglich“, und allen fehlt dasselbe.

Vorratskammer: Tippe an, was du da hast. Quiz: acht Fragen — tippe an, was direkt hineinkommt, und prĂŒfe.

Das Quiz

Im Modus Quiz stellt dasselbe Diagramm acht Fragen. Zu jedem Drink tippst du an, was direkt hineinkommt — den Sirup, nicht den Zucker darin —, und prĂŒfst. Das Eis zĂ€hlt mit, wo es im Drink schmilzt. Danach leuchtet die ganze Abstammung auf, auch dort, wo du richtig lagst. Drei der Fragen zielen auf Stellen, an denen ein Drink anders gebaut ist, als man denkt: der Earl-Grey-Sour ohne einfachen Sirup, der Rhabarber-Spritz ohne Zitrone und die Schorle ohne Eis.

Eine SchĂŒssel fĂŒr alle

Ein Drink im Bild ist Ă€lter als alle sechs Wurzeln. Der Punsch ist im Englischen zuerst 1632 belegt, 174 Jahre vor der ersten gedruckten Cocktail-Definition. Die Ă€lteste Beschreibung seiner Zutaten, von 1638, nennt Branntwein, Rosenwasser, Zitrussaft und Zucker. Seine Mengen fasst ein Reim aus Barbados zusammen, der erst viel spĂ€ter aufgeschrieben wurde: one of sour, two of sweet, three of strong, four of weak — eins sauer, zwei sĂŒĂŸ, drei stark, vier schwach, dazu GewĂŒrz. Im Reim ist „stark“ Rum und „schwach“ Wasser. Im Hibiskus-Punsch ist „stark“ ein krĂ€ftiger Hibiskustee: 100 Milliliter Limette, 200 Milliliter Oleo-Sirup, 300 Milliliter Tee und 400 Milliliter Wasser oder Sprudel, in einer großen SchĂŒssel ĂŒber einem Eisblock, darĂŒber frisch geriebene Muskatnuss.

Im Diagramm hĂ€ngt der Punsch am Sour, weil er nach dessen Bauplan gebaut ist: sauer gegen sĂŒĂŸ, verlĂ€ngert. Die Geschichte lĂ€uft andersherum. Der Punsch war zuerst da, und er hatte schon fast alle PlĂ€tze, die dieser Artikel einzeln eingefĂŒhrt hat — die SĂ€ure, die SĂŒĂŸe, die Basis, das Wasser, das Aroma. Das Diagramm ordnet nach Bauplan, nicht nach Alter.

Setzt man den Hibiskus-Punsch mit Wasser statt Sprudel an und schenkt ihn heiß aus, ist er ein Kinderpunsch: das GetrĂ€nk vom Christkindlmarkt, dem nichts fehlt und das niemand fĂŒr einen Ersatz hĂ€lt. Genauso ist die Limonade vom Anfang kein Cocktail, dem etwas weggenommen wurde, sondern eine Wurzel mit neu besetzten PlĂ€tzen. Einen neuen Drink zu erfinden, heißt fast immer genau das: eine Wurzel wĂ€hlen und einen Platz neu besetzen.

Drink-Familien — wenige BauplĂ€ne, viele Drinks

SĂŒĂŸ und sauer im Gleichgewicht

Zitrus und SĂ€ure

Sirupe — SĂŒĂŸe nach Gewicht

KohlensĂ€ure — die Perlen im Glas halten

Schorle und Limonade — ehrlich gerechnet

Shrubs und GĂ€rgetrĂ€nke — SĂ€ure ohne GĂ€rung

Bitter ohne Alkohol

SchĂŒtteln, RĂŒhren, Bauen

Messen, Glas und Garnitur

KĂŒhlen ist VerdĂŒnnen

Die Klassiker — eine Kultur- und Strukturgeschichte

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Konzepte

SourVerstÀrkter SourHighballAromatisch mit BitterAromatisch mit WeinFlip