Der Stammbaum der Saucen
Ein Steak, eine Sauce, sechs Zutaten
Auf dem Teller liegt ein Steak, daneben ein Löffel BĂ©arnaise: blassgelb, grĂŒn gesprenkelt, so dick, dass sie am Tellerrand stehen bleibt, statt davonzulaufen. Verfolgt man sie zurĂŒck, bleibt erstaunlich wenig ĂŒbrig. Drei Eigelb. 250 Gramm Butter. Und gut vier Esslöffel einer scharf riechenden FlĂŒssigkeit: ein Deziliter WeiĂwein und ein Deziliter Estragonessig, mit gehackten Schalotten und Estragon offen eingekocht, bis nur ein Drittel ĂŒbrig war. Sechs Zutaten, zwei Arbeitsschritte â mehr ist die bekannteste Steaksauce Frankreichs nicht.
Interessant wird die BĂ©arnaise erst, wenn man ihre Zutaten weiterverfolgt. Dieselbe Butter und dasselbe Eigelb stecken in der Hollandaise, dieselbe eingekochte Reduktion in der Beurre blanc, dieselbe Butter in jeder Mehlschwitze. Die Saucen der klassischen KĂŒche sind keine Sammlung von Rezepten, die nebeneinanderstehen. Sie hĂ€ngen aneinander â wie ein Stammbaum.
Tippt man auf die BĂ©arnaise, leuchten ihre sechs Zutaten auf, der Weg ĂŒber die Reduktion â und rechts eine Tochter, die Choron. Alles andere wird blass. Jede Linie in diesem Bild bedeutet dasselbe: wird gemacht aus. Gelesen wird von links nach rechts, in vier Spalten: Zutaten, Grundlagen, MĂŒtter, Töchter. Die Farben sind sechs Familien.
FĂŒnfzig KĂ€sten und achtzig Linien sind zu viel, um sie auf einmal zu lesen. Dieser Artikel geht deshalb Spalte fĂŒr Spalte vor, und bei jeder kommt genau eine neue Entscheidung dazu. Am Ende steht dasselbe Bild noch einmal da â dann zum Ausprobieren.
Links: drei Entscheidungen, bevor es eine Sauce gibt
Die Spalte der Grundlagen hat sechs KĂ€sten, aber drei davon bestehen aus
denselben zwei Zutaten: Butter und Mehl, zu gleichen Gewichten â fĂŒr einen
Liter mittlere Sauce je etwa 60 Gramm. Die Butter schmilzt, das Mehl wird
eingerĂŒhrt und angeschwitzt. Wie lange, ist die einzige Entscheidung.
Nach wenigen Minuten, sobald es nicht mehr roh riecht, ist es eine
Die Farbe ist kein Schmuck. Dieselbe Hitze, die Röstaroma macht, zerlegt die StĂ€rke: Eine stark gebrĂ€unte Roux bindet nur noch etwa ein Drittel so stark wie eine weiĂe. Wer diesen Tausch an der Saucenstation sehen will, findet ihn im Artikel FĂŒnf MĂŒtter, hundert Töchter. Hier zĂ€hlt, wohin er im Stammbaum fĂŒhrt: Jede der drei Farben gehört zu einer anderen Familie â deshalb haben die drei KĂ€sten im Diagramm drei Farben.
Mit den Fonds ist es genauso. Heller und brauner Fond beginnen mit
denselben Knochen und derselben Mirepoix; der Unterschied fÀllt, bevor
das Wasser kommt. Roh aufgesetzt, wird es ein
Die Mirepoix selbst ist die unscheinbarste Grundlage: zwei Teile Zwiebel auf je einen Teil Karotte und Sellerie, nach Gewicht. Das ist der moderne Lehrbuchstandard â Escoffier zĂ€hlte noch nach StĂŒck und lieĂ in der Mirepoix seiner Espagnole den Sellerie weg. Die deutsche KĂŒche kauft etwas Ăhnliches als Bund SuppengrĂŒn, die italienische gart dieselben drei GemĂŒse langsam in Ăl und nennt es Soffritto. Im Diagramm steht die Mirepoix bei den Zutaten, weil sie vor allem anderen geschnitten wird: fein fĂŒr kurze Garzeiten, grob fĂŒr Fonds, die stundenlang ziehen.
Die sechste Grundlage bindet gar nichts. WeiĂwein, Essig und Schalotten werden offen eingekocht, bis ein Drittel ĂŒbrig ist: Das Wasser verdampft, SĂ€ure und Aroma bleiben. Es ist die Reduktion aus der BĂ©arnaise vom Anfang.
Sechs Grundlagen, drei Entscheidungen: wie lange die Roux röstet, ob die Knochen in den Ofen kommen, was eingekocht wird. Keine davon ist schon eine Sauce. Eine Sauce entsteht erst, wenn eine FlĂŒssigkeit auf eine Bindung trifft.
Die Mitte: FlĂŒssigkeit mal Bindung
Ein Liter Milch auf 60 Gramm Mehl als weiĂe Roux ergibt eine
Wie dick eine Mutter wird, ist danach nur noch eine Frage der Menge. Mit 45 Gramm Mehl pro Liter wird die BĂ©chamel dĂŒnn genug fĂŒr eine Sauce, mit 60 Gramm mittel, mit 95 Gramm so dick, dass sie ein SoufflĂ© trĂ€gt.
Die
Die ĂŒbrigen vier MĂŒtter binden ĂŒberhaupt nicht mit StĂ€rke. Die
Wie viele MĂŒtter sind es denn nun? Das hĂ€ngt davon ab, wen man fragt â und wann. Marie-Antoine CarĂȘme zĂ€hlte 1833 vier groĂe Saucen: Espagnole, VeloutĂ©, Allemande und BĂ©chamel, und seine BĂ©chamel war noch eingekochte VeloutĂ© mit Sahne, ganz ohne Milch. Auguste Escoffier nannte 1903 in seinem Guide culinaire ebenfalls vier Grundsaucen, aber statt der Allemande die Tomate: Espagnole, VeloutĂ©, BĂ©chamel und Tomate. Die Hollandaise fĂŒhrte er unter den kleinen Saucen, die Mayonnaise nannte er die Mutter der kalten Saucen. Erst seine englische Ausgabe von 1907 zĂ€hlt fĂŒnf, mit der Hollandaise â und diese fĂŒnf haben die englischsprachigen LehrbĂŒcher um die Welt getragen. Die deutsche Kochausbildung schlieĂlich zĂ€hlt Gruppen statt MĂŒtter: helle und dunkle Grundsaucen, aufgeschlagene warme und kalte Grundsaucen. Die Tomate kommt dort nur als GemĂŒsesauce vor.
Keine dieser Listen ist falsch, und keine ist die Wahrheit. Es sind Momentaufnahmen desselben Stammbaums, gemacht von Leuten, die verschiedene KĂŒchen ordnen wollten. Der schattierte Streifen im Diagramm folgt deshalb keiner einzelnen Liste. Er nimmt die neun Saucen auf, die heute eine Familie anfĂŒhren: Escoffiers fĂŒnf von 1907, die Tomatensauce in beiden Fassungen, die BĂ©arnaise mit ihrer eigenen kleinen Familie und fĂŒr die kalte Seite Mayonnaise und Vinaigrette. Die Allemande, CarĂȘmes vierte Mutter, steht bei den Töchtern â dort, wo Escoffier sie einordnete.
Rechts: ein Einschub pro Tochter
Ein Liter BĂ©chamel, 50 Gramm GruyĂšre, 50 Gramm Parmesan, ein StĂŒck Butter: Das ist Mornay, die Sauce auf dem Blumenkohlgratin. Ein halber Liter BĂ©chamel und 500 Gramm weich gedĂŒnstete, passierte Zwiebeln: Soubise. VeloutĂ© aus GeflĂŒgelfond, mit Sahne eingekocht: SuprĂȘme. Die Namen klingen nach hundert Rezepten, die Zutatenlisten sagen etwas anderes. Jede Tochter ist ihre Mutter plus ein einziger Einschub â KĂ€se, Zwiebeln, Sahne. Im Diagramm steht dieser Einschub unter jedem Namen.
Der Einschub muss allerdings zur Mutter passen. Die SuprĂȘme braucht eine VeloutĂ© aus GeflĂŒgelfond; eine FischveloutĂ© mit Sahne ist etwas anderes. Die Mutter ist also nicht nur ein Name, sondern eine genaue FlĂŒssigkeit.
Manche Töchter werden selbst MĂŒtter. Espagnole und brauner Fond zu
gleichen Teilen, auf die HĂ€lfte eingekocht, ergeben die
Streng genommen ist der Stammbaum ein Netz. Die Tomate hat kaum eigene Töchter, aber sie wandert: als PĂŒree in die VeloutĂ© (Aurore), in die BĂ©arnaise (Choron) und in die Mayonnaise (Andalouse), als fertige Tomatensauce in die Demiglace (Chasseur). EinschĂŒbe halten sich nicht an Familiengrenzen â und eine Tochter kann zwei Familien haben.
Die andere Bindung: Tröpfchen statt StÀrke
Bisher kam der Körper aus StĂ€rke. Die beiden Emulsionsfamilien â grĂŒn die
warme, blau die kalte â haben keine. Ihr Körper ist Fett, in winzigen Tröpfchen in wenig FlĂŒssigkeit
verteilt, und Eigelb hÀlt die Tröpfchen auseinander. Sechs Eigelb tragen
450 Gramm Butter: Das ist die
Was die beiden Welten trennt, ist eine Temperatur. Eine Roux-Sauce muss fast kochen: Die StĂ€rke quillt ab etwa 70 Grad und dickt erst nahe am Siedepunkt richtig. Eine Eigelb-Sauce darf das nie. Reines Eigelb stockt zwischen 60 und 70 Grad â deshalb hĂ€lt man eine Hollandaise bei etwa 63 Grad warm, und das höchstens zwei Stunden. Mit Sahne verdĂŒnnt vertrĂ€gt Eigelb mehr: Eine Legierung darf bis etwa 82 Grad heiĂ werden, erst darĂŒber gerinnt auch sie.
Zwei Saucen im Diagramm sehen aus wie Töchter und hĂ€ngen doch an keiner Mutter. Die BĂ©arnaise wird nicht aus Hollandaise gemacht, sondern nach ihrer Methode, mit eigener Reduktion statt Zitrone; Escoffier nannte sie âim Grunde eine Mayonnaise aus Butterâ. Und die AĂŻoli ist keine Mayonnaise mit Knoblauch, sondern Knoblauch, im Mörser zerrieben, mit einem Eigelb und Ăl â dieselbe Methode, eigene Zutaten. Das Diagramm zeichnet fĂŒr solche Verwandtschaft keine Linie. Eine Linie heiĂt dort immer: wird gemacht aus.
Wie weit das Prinzip reicht, zeigen zwei RĂ€nder der Familie. Die Beurre blanc kommt ganz ohne Eigelb aus: Die Reduktion, auf wenige Löffel eingekocht, trĂ€gt 500 Gramm kalte Butter, weil Butter ihre eigenen Emulgatoren mitbringt â solange die Sauce warm bleibt und nicht heiĂ wird. Die Vinaigrette dagegen hat gar keinen Emulgator. Drei Teile Ăl auf einen Teil Essig, krĂ€ftig geschlagen, und nach ein paar Minuten liegt das Ăl wieder oben. Ein Löffel Senf hĂ€lt sie lĂ€nger zusammen.
FĂŒr alle Saucen mit rohem Eigelb gilt auĂerdem eine Regel der Hygiene: Rohes Ei kann Salmonellen tragen. In Kantinen und Schulen mĂŒssen Speisen mit rohem Ei nach deutschem Recht binnen zwei Stunden nach der Zubereitung ausgegeben werden â oder auf höchstens 7 Grad gekĂŒhlt und binnen 24 Stunden (§ 20a Tier-LMHV). In der SchulkĂŒche nimmt man deshalb pasteurisiertes Eigelb. Wie eine Saucenstation dieses Fenster im Alltag hĂ€lt â Wasserbad, der Platz am Fensterrand, ein Löffel kaltes Wasser, wenn die Sauce bricht â, erzĂ€hlt FĂŒnf MĂŒtter, hundert Töchter.
Die Vorratskammer
Jetzt lĂ€sst sich das Diagramm umdrehen. Statt zu fragen, woraus eine Sauce besteht, fragt man: Was lĂ€sst sich aus dem machen, was da ist? Schalte das Diagramm unten auf Vorratskammer und tippe an, was in deinem KĂŒhlschrank steht.
Butter, Mehl und Milch â drei Dinge, und die BĂ©chamel leuchtet auf. Zugleich werden drei Töchter als âfast möglichâ markiert, jede mit genau dem, was ihr fehlt: KĂ€se fĂŒr die Mornay, Zwiebeln fĂŒr die Soubise, Sahne fĂŒr die Rahmsauce. Ein gewöhnlicher KĂŒhlschrank mit zwölf Dingen â Butter, Mehl, Milch, KĂ€se, Sahne, Eier, Zitrone, Ăl, Essig, Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten â reicht fĂŒr 13 der 31 Grundlagen und Saucen. Nimm Knochen und Mirepoix dazu, also das, woraus ein Fond wird, und es werden 23: VeloutĂ©, Espagnole und fast alles, was an ihnen hĂ€ngt. Deshalb ist ein guter Fond aus dem Glas zu Hause kein Betrug. Er öffnet zwei ganze Familien auf einmal.
Das Quiz
Im Modus Quiz stellt dasselbe Diagramm acht Fragen. Zu jeder Sauce tippst du an, woraus sie direkt gemacht wird â nur die letzte Stufe, nicht die ganze Ahnenreihe â, und prĂŒfst. Danach leuchtet die ganze Abstammung auf, auch dort, wo du richtig lagst. Drei der Fragen zielen auf Stellen, an denen der Stammbaum anders ist, als man denkt: die BĂ©arnaise, die Tomatensauce von 1903 und die AĂŻoli.
Eine Pfanne
ZurĂŒck zum Steak. Wenn es aus der Pfanne kommt, klebt am Boden eine braune Kruste, der Bratensatz. Ein Schuss Wein löst ihn, ein paar Minuten Einkochen geben Körper, zwei StĂŒcke kalte Butter, eingeschwenkt, machen die Sauce glĂ€nzend und rund. Im Diagramm hat diese Pfannensauce keine Mutter. Sie braucht keine, denn sie ist der ganze Stammbaum in einer Pfanne: Der Bratensatz ist der braune Fond im Kleinen, das Einkochen die Bindung, die kalte Butter eine Emulsion ohne Eigelb. Ein Löffel Senf, ein paar Kapern oder grĂŒne Pfefferkörner dazu, und sie hat eine Tochter.
Escoffier hat diese Entwicklung selbst vorhergesagt. Schon 1903 klagte er, zu viel Espagnole lasse alle Saucen gleich schmecken, und schrieb, klare Kalbsfonds und gebundene Jus wĂŒrden sie verdrĂ€ngen. Siebzig Jahre spĂ€ter machten Henri Gault und Christian Millau daraus ein Programm: Reduktionen, Butter, KrĂ€uter und Zitrone statt Espagnole und BĂ©chamel. Die jĂŒngsten Zweige sind noch einfacher. Salsa verde und Chimichurri sind Ăl, SĂ€ure und KrĂ€uter â eine Vinaigrette im neuen Kleid. Das Pesto braucht nicht einmal SĂ€ure: Basilikum, KĂ€se und Pinienkerne, im Mörser in Ăl verteilt.
Der Stammbaum ist deshalb kein Museum. Wer ihn lesen kann, stellt jeder Sauce drei Fragen: Welche FlĂŒssigkeit? Woher kommt der Körper? Was ist der eine Einschub? Mit denselben drei Fragen erfinden Köche neue Saucen. Und das Steak vom Anfang hat jetzt vier Wege auf den Teller: die BĂ©arnaise aus der warmen Emulsion, die Bordelaise aus der braunen Familie, das Chimichurri aus der kalten â und die Pfannensauce aus der Pfanne, in der es gerade gebraten wurde.